Eigentlich ist es ja am besten, im Studentenwohnheim zu wohnen, wenn man als ausländischer Student nach London kommt. Aber sie waren für das Jahr im Ausland an zwei verschiedenen Universitäten eingeschrieben und beider Stipendien waren gut, ja sogar sehr gut, weil das englische Pfund gerade dramatisch an Wert verlor. Also suchten sie sich eine möblierte bleibe, für die sie mehr bezahlen konnten, als sie es sich in Deutschland jemals hätten leisten können.
Sie fanden schließlich eine möblierte kleine Wohnung, ein Zimmer mit einer extra Küche und, Luxus pur, einem Vollbad. Die Heizung war elektrisch, und um Strom zu haben, mussten sie immer für Shillings sorgen, den die Stromversorgung funktionierte nur, wenn man die entsprechenden Münzen in den Meter, den Zähler einwarf. Ihr Aufenthalt fiel in die Umstellung vom alten System mit Shilling, Pence auf das Dezimalsystem, in dem der Shilling keinen Platz mehr hatte. Einmal war er in der Bank und wollte sich den notwendigen Vorrat an Münzen holen, fragte Shillingstücken, korrigierte sich und sagte “Äh, 5-Pence-Stücke.” Der Kassierer antwortete ganz gelassen: “Für mich werden das immer Shillings bleiben!”
Die Gegend könnten sie sich heute nicht mehr leisten, auch wenn sie viel mehr Geld zur Verfügung haben, als es das Stipendium hergab. West Hempstead ist mittlerweile ein schickes Viertel mit vielen Bars und Restaurant, eine Gegend, die auch bei reichen Linken beliebt ist.
Ihre Wahl war zufällig, gute U-Bahn-Anbindung an beide Universitäten war gegeben, es gab Einkaufsmöglichkeiten, Pubs und Restaurants. Sehr häufig besorgten sie sich Essen beim Chinesen um die Ecke, ein Take-Away, das nur Essen zum Mitnehmen verkaufte. Oder sie holten sich ihr Essen beim Kaufhaus John Barnes in der Lebensmittelabteilung, wegen der Nähe zu einem jüdischen Viertel, Golders Green, spezialisiert auf deutsche Spezialitäten wie Leberwurst oder Pumpernickel, die man woanders in London nicht so einfach bekam. Die deutsche Spezialisierung war so bekannt, dass die Schaffner in den roten Doppeldeckerbussen an der entsprechenden Station ausriefen: “Anyone for Johann Barnes?”.
Um die Ecke war natürlich auch ein “Off-Licence”, ein Laden, der die Lizenz hatte, Alkohol zu verkaufen, das war damals nur diesen Läden vorbehalten, in Supermärkten oder gar Tankstellen war “Booze” nicht zu haben. Es kauften alle Leute dort ein, und so war es nicht verwunderlich, dass er eines Tages eine Unterhaltung mitbekam zwischen einer Kundin und der Kassiererin. Sie unterhielten sich über Kochen, Gewürze und was man so ans Essen tut. Sie waren sich einig in der Ablehnung von solchen exotischen Essenszutaten wie Majoran, Paprika, Knoblauch oder Oregano. Eine der Frauen äußerte das Grundprinzip ihrer englischen Kochweise: “Ich gebrauche nur Salz oder Pfeffer, alles andere kommt mir nicht ins Haus!”
Neben dem Off-Licence war ein Schlachter, auf das Ladenschild achtete er nicht, er wusste nur, einen Schlachter erkennt man am Fleisch in der Auslage. Eines Tages ging er in diesen Laden und fragte nach Bacon und wunderte sich über die Antwort: “Nein, den haben wir leider nicht.” Die Antwort war äußerst freundlich vorgetragen, aber er wunderte sich trotzdem. Beim Hinausgehen achtete er zum ersten Mal auf das Ladenschild, oh, da stand “Kosher Butcher”, ein jüdischer Schlachter. Sowas hatte er in Deutschland noch nie gesehen, es war ihm wahnsinnig peinlich.
Natürlich gehörte auch ein Pub um die Ecke dazu, der war recht modern, aber die Engländer hatten halt das Händchen dafür, ein neues Pub so zu gestalten, dass es so wirkte, als ob es schon seit Jahrhunderten da stand. Manches Mal genoss er dort typisches Pubessen, aber häufiger noch genoss er dort sein Bier am Abend, denn sie hatte noch irgend etwas zu arbeiten. An einem Abend stand er dort und unterhielt sich mit Leuten, ein Bitter in seiner Hand, denn das Lager, also Pils, das konnte man in England seiner Meinung nach nicht trinken.
An den Inhalt der Unterhaltung erinnert er sich nicht mehr, aber daran, dass eine Frau ihm irgendwann einen Zettel gab und meinte, er solle doch mal in ihrer WG in Kilburn vorbei kommen. Er war vollkommen verblüfft, das war ihm noch nie passiert, und er fragte zurück, wieso sie darauf komme. Sie sagte “You’re so cool!”
Das war für ihn eine der vielen neuen Worte, die er in der Zeit lernte, und er hatte keine Ahnung, dass das mehr als zwanzig Jahre später auch in Deutschland zu einem Modewort wurde.
Natürlich ging er nie dort vorbei, einmal weil es ihm unheimlich war, dass eine Frau ihn so offen anmachte, auch wenn er das später wieder erfahren sollte. Aber hauptsächlich deswegen, weil E. in der kleinen Wohnung war, und der wollte er diesen potenziellen Besuch nicht erklären.
Aber immer, wenn er später das Wort “Cool” hörte, und das war oft, dann erinnerte er sich an das alte, neu Pub in West Hempstead.
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