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Das kleinere Übel

Samstag, 28. Juni 2008 | Autor: mouchi

faust.png“Ja, weißt Du denn etwas Besseres?”

Schon relativ jung wurde ich ein politischer Mensch. Schon mit 12 oder 13 fing ich an, regelmäßig den SPIEGEL zu lesen, der damals noch als durchaus linksliberales Blatt galt. Mit etwa 15 begann ich, in der Schule an der Politik AG teilzunehmen.

Die Politik AG traf sich regelmäßig, oft in einer Kneipe nicht weit von der Schule, wo bei Bier (oder Fassbrause) und kalten Frikadellen die heißen aktuellen Fragen diskutiert wurden. Häufig dabei waren zwei Studenten vom SDS (dem Sozialisitischen Deutschen Studentenbund), die wohl dazu ausersehen waren, an ihrer alten Schule für den revolutionären Nachwuchs zu sorgen. Einer von ihnen war K., der 3 Jahre vor mir Abitur gemacht hatte, und dann in der Studentenbewegung der 68er aktiv geworden war.

Auch wir waren in vielerlei Hinsicht aktiv, das fing mit kleinen Sachen an wie das Halten von politischen Vorträgen in den Hamburger Häusern der Jugend (wenn ich mich recht erinnere, war das organisiert von der Bundeszentrale für politische Bildung). Ich wurde später dann Referent für internationale Beziehungen an unserer Schule und später dann irgendwann mal Schulsprecher.

Die Zeiten gingen nicht an uns vorbei, der Höhepunkt als Schulsprecher war die Organisation eines Streikes an unserer Schule gegen geplante Hamburger Schulgesetze, damals noch richtig unerhört, so dass dieser Streik es sogar bis in die Bildzeitung schaffte. Wir zogen in unserem Stadtteil von Schule zu Schule und versuchten, an anderen Schulen die Schüler auch zum Mitstreiken zu animieren. An unserer Schule war der Großteil der Schüler aktiv, was vielleicht auch damit zu tun hatte, dass der Schulleiter seit 20 Jahren ein recht autoritärer Knochen war, wie auch viele Lehrer noch recht altmodische Methoden hatten. In dieser wilden Zeit um den Streik herum erlitt der Schulleiter dann einen Herzinfarkt und es wurde uns mehr oder weniger zu verstehen gegeben, das wir daran Schuld waren.

Meine Mutter kam eines Tages von einer Elternversammlung zurück und berichtete fast stolz, dass ich als einer der Rädelsführer genannt wurde für die Unruhen, ein Stolz von der falschen Seite, über den ich mich richtig geärgert habe.

Ich traf K. dann einmal an der Uni wieder und er erzählte mir, dass er nach dem Niedergang des SDS in den MSB Spartakus eingetreten sei, dem DKP- und Ostblock-nahen kommunistischen Studentenbund. Ich machte ihm klar, dass das nicht mein Fall wäre, worauf er mit der oben zitierten Gegenfrage antwortete.

Er hatte also für sich das kleinere Übel gegenüber anderen Alternativen gewählt, während ich mich dann aus allen Hochschulorganisationen raushielt. Für das kleinere Übel wurde K. dann aber doch recht aktiv, er leitete später über Jahre diese Organisation, war Vorsitzender einer DKP-nahen Friedensliste, die auch an Bundestagswahlen teilnahm. Wenn man heute nach ihm sucht im Netz, erfährt man, dass er einmal in einer Versammlung eine sechsstündige Rede gehalten haben soll, fast schon reif für einen Eintrag in Guinessbuch der Rekorde.

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Berlinerfahrung

Donnerstag, 12. Juni 2008 | Autor: mouchi

SV St. Georg von 1895Ein wenig bin ich noch immer zwischen Berlin und Hamburg hin und her gerissen. Aber in einer anderen Richtung als der Hamburg vs. Berlin Blog. Ich würde meinen Lebensmittelpunkt mittlerweile in Berlin ansiedeln, auch wenn ich in Hamburg arbeite. Beim Nachdenken fällt mir meine erste Erfahrung mit Berlin ein.

Eigentlich wollte ich immer Fussball spielen und habe meine Eltern immer wieder bearbeitet, in einen Fussballverein eintreten zu dürfen. Aber meinen Eltern war dieser Sport einfach zu proletarisch, und nach vielerlei Diskussionen wurde ein Kompromiss geschlossen: Ich durfte in die Leichtathletikabteilung des SV St. Georg eintreten (die Leichtathletik auf der Ebene der Leistungsklasse dort firmiert heute unter dem Namen LG Hammer Park LH Eilbek). Der Verein war renommiert genug, damals kamen besonders 400m Läufer auf nationaler Ebene von diesem Verein.

Das Training bei St. Georg half mir ungemein, damals gab es in den Schulen die so genannten Bundesjugendspiele, bei denen in einem Dreikampf eine kleine oder eine große Urkunde erlangt werden konnte. Die “große” war eine Urkunde des Bundespräsidenten und zu meiner Zeit wurde sie folgerichtig als “Lübkeurkunde” tituliert. Ich hatte nie eine solche Urkunde gewonnen, aber ein Jahr nach meinem Eintritt bekam ich dann doch plötzlich eine Lübkeurkunde.

Die aktive Mitgliedschaft im Verein ging immer einher mit der Beteiligung an Sportfesten, profan auch Wettkämpfen genannt. Und so wurde ich eines Tages ausersehen, den SV St. Georg bei einer Hallenveranstaltung des SV Charlottenburg in Berlin zu vertreten, sowohl im Sprint, als auch in der Staffel.

Die Anreise erfolgte mit dem Bus, aber nur sehr spät erkannten meine Eltern, dass die Fahrt über die B5 ging, die Transitstrecke durch die DDR. Und auch als Jugendlicher/Kind brauchte man damals für die Fahrt einen Ausweis, den ich nicht hatte.

Die Fahrt sollte am Samstag Morgen losgehen, und am Tag davor brach dann plötzlich die Hektik aus. Und schon damals, oder besser, besonders damals lief bei den Behörden am Freitag nicht mehr viel. Ich sah meine Beteiligung am Wettkampf schon schwinden, aber wir fanden dann einen so genannten Notdienst, und spät am Freitag Abend hielt ich dann meinen frischen Kinderausweis in den Händen.

Gewonnen hatte meine Mannschaft nicht, aber ich war das erste Mal in Berlin. Welche entscheidende Bedeutung diese Stadt einmal für mich haben würde, habe ich damals allerdings nicht ahnen können.

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Seuche

Dienstag, 3. Juni 2008 | Autor: mouchi

TBC linksGerade hatte ich sie kennen gelernt. Irgendwie hatte sie es mir nicht erzählt in den ersten Wochen unserer Beziehung, aber irgendwann musste sie mir die Krankheit beichten. Eigentlich hatte ich damals, in der Mitte der 80er Jahre gedacht, sie sei längst ausgestorben. Sie galt als Armutskrankheit, nach dem Tod meiner Mutter hatte ich erfahren, dass auch sie daran gelitten hatte. Allerdings hatte sie es geschafft, das vor ihrem Mann, meinem Vater geheim zu halten, wir Kinder waren einfach zu klein. Als ich wegen der anderen Krankheit im Alter von einem Jahr monatelang im Krankenhaus war, war meine Mutter offensichtlich im Sanatorium oder zumindest in Behandlung.

Und jetzt erfuhr ich, dass auch meine frische Liebe diese Krankheit hatte. Es liess sich nicht mehr verheimlichen, denn die Behörden gehen in solchen Fällen ganz strikt nach dem Bundesseuchengesetz vor und kontrollieren. Da wurden alle Kontakte erfragt und die wurden dann zur Untersuchung geladen. Und irgendwelche Therapiemaßnahmen wurden auch vorgeschrieben. Auch das kannte ich selbst von mir und der anderen Krankheit, bei der mich die Gesundheitsämter bis zum Alter von 18 Jahren unter Beobachtung hatten.

Es wurde bei ihr ein stationärer Sanatoriumsaufenthalt angeordnet, da ließ sich die Krankheit nicht mehr verheimlichen, sie musste für eine längere Zeit ins Lungensanatorium. Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt, war die Diagnose. Wie gesagt, sie galt als ausgestorben, aber trat dann plötzlich wieder auf, besonders bei Leuten, die irgendwelchen Kontakt zu Drogensüchtigen hatten.

Das Sanatorium lag im Süden der Stadt, kein Zauberberg, keine Romantik, einige prosaische Backsteinbauten im Wald. Richtig stationär war der Aufenthalt nicht, es ging darum, die Medikamente unter Aufsicht zu nehmen, Freigang war erlaubt, manchmal konnte sie auch fürs Wochenende in die Stadt kommen. Die anderen Patienten passten zum eben beschriebenen Milieu, auf jeden Fall wurde kräftig geraucht und wohl auch häufig in der Dorfkneipe gesoffen.

Sie hatte Rückenprobleme und deshalb immer Schmerzmittel dabei und Einwegspritzen. Als die Pfleger das entdeckten, da stand sie kurz vor dem Rauswurf und schärferen Maßnahmen, denn natürlich dachten die Pfleger in Anbetracht der Klientel, dass sie zur Gruppe der Konsumenten von harten Drogen gehörte.

Einfach war die Zeit nicht, für einen Besuch musste ich 50 km hin und wieder zurück fahren, aber die Liebe half, das durchzustehen. Irgendwann war die Krankheit dann ausgeheilt und wir konnten unsere neuen Wohnungen genießen.

Was mich im Nachhinein immer wieder beunruhigt hat: Mich hat sie nie dem Gesundheitsamt gemeldet udn ich wurde deshalb auch nie untersucht. Wer weiß, was hätte passieren können.

Bild: ErikH Lizenz: GNU Free Documentation license

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