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Prolog

Mittwoch, 9. Juli 2008 | Autor: mouchi

David Hilbert“Geschafft!”

Ganz langsam und fast genüsslich zog er das Blatt aus der kleinen Reiseschreibmaschine und legte es sorgfältig unter den Stapel. Er lehnte sich zurück in den bordeauxfarbenen Sessel aus den sechziger Jahren und schaute sich um. Die Umgebung war ihm ebenso fremd wie vertraut. Er hatte nie in dieser Wohnung gewohnt und dennoch kannte er jedes Möbelstück: die Schrankwand mit dem Plastikfurnier und den Plastikkissen auf der eingebauten Sitzbank. Die Couchgarnitur mit dem flachen Couchtisch, auch mit falschem Furnier, der in den letzten Tagen zu seinem Schreibtisch umfunktioniert worden war. Der falsche Perserteppich, das Klavier, an dem er sich Jahre lang hat quälen müssen.

Eine gute Woche hatte er hier gesessen und sein Manuskript geschrieben. Nie hatte er es sich geträumt, noch einmal bei seinen Eltern Zuflucht zu nehmen. Als er sie darum bat, für einige Zeit bei ihnen wohnen zu dürfen, da hatte er das Gefühl, als sei das eine Art Canossagang, eine Demütigung, eine Hilfe, auf die er gern verzichtet hätte, aber er hatte sich im wahren Wortsinn nicht mehr anders zu helfen gewusst. Frühere Versuche seitens seiner Mutter, ihm zu helfen, hatte er noch abwehren können, das Angebot, seine Wäsche vorbei zu bringen und waschen zu lassen, den Versuch, als regelmäßige Putzfrau zu fungieren. Aber diesmal war es nicht anders gegangen.

Es war schon richtig, meistens drehten sich die Auseinandersetzungen mit Annabell vordergründig um den Haushalt. Wer nun wann und wie gründlich abwäscht, Staub saugt, Fenster putzt, Klo reinigt, was auch immer denkbar ist in einer kleinen Wohnung von 35 Quadratmetern. Er fand das gar nicht so schlimm, wenn es darüber nur Streit gegeben hätte, aber so, wie es ablief, war es ihm einfach zu viel. Annabell hatte die Angewohnheit, jede Diskussion so zu führen, dass sie ein Ende nur fand, wenn man ihre Meinung übernahm oder wenn man versuchte, die Diskussion durch Tricks, Flucht, Einschlafen oder anderes abzubrechen. Ihr Rekord waren mehr als 48 Stunden reden ohne Pause, ohne Schlaf und nur mit ganz wenig Essen und Trinken.

Zunächst hatte er ja versucht, seine Arbeit in der gemeinsamen Wohnung zu schreiben, aber die konzentrierte Arbeit bot dann immer wieder Anlass zu Konflikten, und das wurde ihm dann einfach zu viel. Er hatte seine Mutter angerufen und um Notaufnahme gebeten, widerwillig und mit großer Überwindung. Beim Verabschieden gab ihm Annabell noch eine Empfehlung auf den Weg: “Entweder es ändert sich was oder Du brauchst gar nicht mehr wieder zu kommen!”

Er seufzte und zog die Diplomarbeit zu sich heran und blätterte sie gedankenverloren durch. Dann legte er sie wieder zurück und zündete sich eine Zigarette an. Ja, ohne Frage, es wird sich etwas ändern. Das Studium war zu Ende und bald würde er das Diplom in der Hand halten. Aber was kam dann? Wieder kam ihm seine Mutter in den Sinn, die ihm einmal gesagt hatte, sie würde es am liebsten sehen, wenn er irgendwann einmal Professor werden würde. Das hieße, er müsste sich jetzt um eine Promotion kümmern. Und wie sollte er die finanzieren? Bei der Stiftung würde das ein erneutes detailliertes Aufnahe- und Prüfungsverfahren bedeuten. War dieser Weg realistisch? Gerade hatte man das Hochschulrahmengesetz verabschiedet, das einen mehr oder weniger zwang, 6 Jahre nach der Promotion zum Professor zu werden. Oder man stünde Mitte 30 ohne Job da, ohne berufliche Erfahrung außerhalb der Universität. Was bliebe dann? Taxifahren? Und das in einer Situation in der viele Wissenschaftler noch schnell zu Professoren ernannt worden waren und ihre Posten noch bis ins neue Jahrtausend besetzt halten würden.

Viel Alternativen sah er nicht für sich als Mathematiker. Da waren die Posten in einer Versicherung, aber Statistik war genau der Teil, der ihm nicht gefallen hat im Studium. Er hatte auch gehört, dass Unternehmensberater durchaus Mathematiker einstellten, aber ihm fiel sofort der Name McKinsey dazu ein und das wäre von den meisten Freunden so verachtet worden wie eine Verpflichtung als Berufsoffizier. Lehrer hatte er schon abgeschrieben, denn sonst hätte er nicht den Diplomstudiengang gewählt.

Dann war da noch die andere Entscheidung. Er fühlte sich versucht, die letzten Worte von Annabell auf zu greifen und einfach nicht in die Gemeinsamkeit zurück zu kehren. Wenn ihm nur nicht so klar wäre, dass das nicht ohne endlose Diskussionen abliefe. Und eine Flucht wie in anderen Situationen sah er bei so einer großen Sache doch nicht als angemessen an.

Er seufzte und beschloss, sich erst einmal zu besaufen. Während er sich ein Bier aus dem Kühlschrank nahm, murmelte er vor sich hin:

“Ach ja, ich denke, das Weitere wird sich schon finden!”

Aus dem unveröffentlichten Roman:

War ja nur so eine Idee!
Chronik einer Pleite

Foto: frei, zeigt David Hilbert, deutscher Mathematiker

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Thema: Chronik einer Pleite, Romanfragment

Kommentare und Pings sind geschlossen.

3 Kommentare

  1. Eine sehr sensble und herausragende Beschreibung!!!!

  2. 2
    mariechen 
    Freitag, 6. März 2009

    Ein Deja vu !

  3. @mariechen: Heißt das, dir kommt die Situation nach dem Examen bekannt vor?