Die Reaktion
Mittwoch, 20. August 2008 | Autor: mouchi
Die Reaktion von Annabell hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Leicht euphorisch war ich vom Vorstellungsgespräch nach Hause gekommen und war gleich mit der Neuigkeit mehr oder weniger rausgeplatzt: „Stell Dir vor, ich habe einen Job!“
Annabell setzte gleich ihr Unheilsgesicht auf, die Mundwinkel leicht hochgezogen, eine Geste, bei der ich mir nicht sicher war, ob sie unwillkürlich war oder einen kräftigen Zynismus ausdrücken sollte.
„ Ich dachte, Du wolltest promovieren?“
„Ja eigentlich schon, aber ich muss ja auch irgendwo von leben“ erwiderte ich leicht verlegen.
„Und an mich denkst Du dabei wohl gar nicht, oder?“
„Wieso, was meinst Du denn damit?“
„Das sollte doch wohl ganz offensichtlich sein, ich habe Dir schließlich zum Diplom verholfen, jetzt wäre eigentlich ich dran.“
Ich musste schlucken. Mir zum Diplom verholfen? Das hatte ich ganz anders gesehen, schließlich war ich aus genau der Situation der Beziehung ganz schweren Herzens zu meinen Eltern nach Hause geflüchtet, obwohl ich das als ganz besondere Erniedrigung empfand. Aber vielleicht nahm ich sie nicht so richtig ernst, denn sie hatte gesagt, wenn ich nicht wolle, bräuchte ich nicht zurückkommen, als ich zu meinen Eltern ging wegen der Diplomarbeit. Jetzt kamen die Aggressionen wieder hoch, ich hätte das Angebot doch annehmen sollen.
„Was erwartest Du eigentlich von mir?“ brachte ich zwischen den Zähnen heraus.
„Seit fünf Jahren sind wir zusammen und Du fragst immer noch? Ich will nichts anderes als dass Du mich genauso unterstützt, wie ich Dich!“
‚Wie Du mich?’ dachte ich und fragte mich, wo sie mich unterstützt hatte.
„Das verstehe ich nicht, ich bin ja schließlich ausgezogen für die Diplomarbeit!“
„Das war einfach eine Flucht von Dir, Du wolltest einfach der Hausarbeit entgehen!“
„Das ist aber jetzt reichlich unfair, ich habe immer meinen Teil gemacht, vielleicht immer sofort wenn es nötig war, aber gedrückt habe ich mich nie!“
„Ich erwarte einfach von Dir, dass Du siehst, was gemacht werden musst und einfach daran gehst. Ich bin es leid, immer sagen zu müssen, was Du machen sollst.“
„Ich mache das, was ich für nötig halte, wenn Du mehr willst, dann könntest Du das einfach sagen.“
Ihr Gesichtsausdruck wurde immer unheilvoller. „Ich will das nicht sagen müssen, Du solltest einfach wissen, was angesagt ist!“
„Und wo bleibst Du dabei? Ich soll Dir jeden Haushaltswunsch von den Augen ablesen und Du legst die Füße hoch und lässt mich machen?“
So langsam geriet ich auf hundertachtzig. So war das nun ganz und gar nicht, ich hatte schon das Gefühl, eine Menge zu machen. Ich sah halt vieles vielleicht nicht sofort, meine Toleranzschwelle war einfach höher als ihre. Aber nichts im Haushalt zu machen, daswar einfach ungerecht. Andererseits hatte ich ja aber den Anspruch, dass alles Alltägliche gerecht aufgeteilt werden müsse, irgendwie ließ ich mich da immer bei meinem schlechten Gewissen packen.
„Quatschkram!“ meinte sie, „ich weiß halt, was gemacht werden muss, aber Du müsstest mir schon ein wenig entgegen kommen!“
Mir fielen sofort ihre Papierstapel ein, die sie schon seit Monaten nicht bewegt hatte, weil sie das Material für ihre Promotion zu brauchen vorgab. Aber das war in dem Moment nicht das Problem, so langsam war der Punkt erreicht, wo ich die Kurve kriegen musste, sonst würden wir noch zwei Tage später da sitzen und diskutieren, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Aber wie sollten wir zu einem Ende kommen?
„Nun warte doch erst einmal ab“ meinte ich „ ich verdiene dann schließlich erheblich mehr, als ich mit dem Stipendium hatte, da kann man doch sicher irgendwie die Wohnsituation verbessern.“
„Ich will einfach einen sauberen Haushalt, sonst kann ich einfach nicht arbeiten. Und Du bist da gefragt, schließlich bin ich ja wegen Dir in diese Stadt gekommen!“
Auf das Argument hatte ich nur gewartet. Ja, sie war wegen mir in diese Stadt gekommen, aber wir hatten alle Argumente gegeneinander abgewogen. Die Mathematik in meiner Stadt war erheblich besser als in ihrer und auch für ihr Fach, Kultur und Geschichte des vorderen Orients sprach erheblich mehr für meine Stadt als für die Universität, an der sie vorher studierte.
„Komm mir jetzt nicht damit, Du weißt genau, dass das die bessere Lösung war.“
„Das mag sein, aber ich hatte mir das anders vorgestellt.“
„So langsam werde ich müde“ meinte ich „Ich sehe ja ein, dass Du da ein paar Probleme hast, aber das kann doch nur besser werden, wenn ich jetzt Geld verdiene. Ich werde halt sehen, dass sich unsere Situation verbessert, der Job kann da doch eigentlich nur positiv wirken.“
„Das werden wir ja sehen!“ rief sie.
„Ja, das werden wir“ sagte ich und verzog mich ins Nebenzimmer, um zu schlafen.
Was für eine überflüssige Bemerkung, sehen würden wir so oder so.
Bild: Studie zum Streit zwischen Oberon und Titania, Sir Joseph Noel Paton




