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Wiener Liebesnacht

Donnerstag, 5. März 2009 | Autor: mouchi

Der Kuss (Gustav Klimt)Seit September war er regelmäßig in Wien. Meist flog er am Dienstag hin und am Donnerstag der folgenden Woche zurück. Das war ein großes Privileg, denn eigentlich hätte man Bahn fahren müssen, und das hätte von Hamburg aus bedeutet, fast einen vollen Tag unterwegs zu sein.

Die Wiener Niederlassung der schwäbischen Computerfirma hatte einen Auftrag der Österreichischen Nationalbank bekommen, die Erfassung der Überweisungsbelege mit diesem reichlich exotischen Rechner aus den USA zu realisieren. Das Wiener Team schien überfordert mit der Aufgabe und so entschied die Zentrale, einen Externen hinzu zu ziehen, und die Wahl fiel auf ihn, jung, ein gutes Jahr Erfahrung mit dem Gerät.

Als er in Wien ankam, da fühlte er sofort, dass ihm eine gehörige Portion Skepsis entgegen schlug, ihm, dem jungen Hamburger Programmierer von 27 Jahren. Was hatte er schon vorzuweisen, ein Messeprojekt und ein Jahr Programmierung für ein Rechenzentrum der Sparkassen in Hannover. Hier ging es aber nicht um irgendeine Sparkasse, das Projekt war politisch wichtig, immerhin war der Kunde die Nationalbank.

Man gab ihm also schon programmierte Teile zur Durchsicht, damit er die Methode kennen lernt, Und schon am zweiten Tag fand er einen gravierenden Fehler und korrigierte ihn, damit war das Eis gebrochen und er in das Team aufgenommen. In den folgenden Monaten wurde die Freizeit neben dem Projekt oft mit gemeinsamen Aktivitäten verbracht. Und auch das eine oder andere Wiener Wochenende verbrachte er mit den Kollegen und ihren Freunden und Partnern.

Und so war es auch nichts Besonderes als man eines Abends in der Woche sich in einer Kneipe, einem Beisl, auf ein Bier oder einen Gespritzten verabredete. Die Kneipe war voll und sie setzten sich an einen großen Tisch, an dem schon 3 oder 4 Leute saßen. Sie setzten sich zu der Gruppe, die aus einer Frau und sonst Männern bestand.

Trotz ihrer angeregten Unterhaltung konnte er nicht umhin, in das Gespräch der anderen Gruppe hinein zu hören. Sie unterhielten sich auf Englisch und das konnte er sich einfach nicht entgehen lassen. Nach und nach kam man ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass die andere Gruppe bei der UN beschäftigt war, bei der Flüchtlingshilfeorganisation, die sich um die palästinensischen Flüchtlinge kümmerte.

Die Gespräche wurden persönlicher und er fühlte sich zu der Frau, nennen wir sie A., in der Gruppe hingezogen, die ganz offensichtlich mit ihm flirtete. Langsam fand er heraus, dass sie ledig war, etwa 10 Jahre älter. Und sie war esoterisch angehaucht, denn sie gab vor, ihm aus der Hand lesen zu können. Sie las in der Hand, dass er zwei Kinder hätte, und als er lachte, sagte sie, dass er das ja nicht unbedingt wissen müsse.

Irgendwann lösten sich beide Gruppen auf und er richtete sich schon auf einen verlegenen Abschied ein. Und war dann ganz überrascht als sie sagte, sie würde gern mit ihm kommen. Der Magen drehte sich ihm um, und er sagte ja. Schon seit ein paar Monaten wohnte er im Hotel Bohemia in der Turnergasse, war also ein guter Kunde, er sah also kein Problem darin, einfach “Ja” zu sagen.

Hand in Hand gingen sie los, lachend und ein wenig kichernd am Portier vorbei, der richtig verständnisvoll lächelte. Angekommen auf dem Zimmer rissen sie sich im übertragenen Sinne mehr oder weniger die Kleider vom Leib und hatten Sex miteinander, bis sie beide erschöpft in den Schlaf fielen.

Irgendwann klingelte das Telefon, der Concierge war dran und meinte verständnisvoll, dass E. in der Leitung sei und er sagte “ja” und wusste sofort, dass das idiotisch war. Nach dem kurzen und sehr verlegenen Gespräch war A. wach und wollte sofort gehen, nicht ohne ihn zu sich einzuladen.

Es sollte nicht sein, denn kurz nach dieser Nacht kam die Nachricht, dass der Auftrag beendet war und dass das sein letzter Besuch in Wien war.

Er schaffte es noch, eine Wollmütze, die sie vergessen hatte, diskret an sie weiter zu leiten, sie schickte ihm noch irgendwann einmal ein Schmuckstück, aber er hat sie dann nicht wieder gesehen.

Manchmal bedauert er es, er hätte gerne noch ein paar schöne Stunden mit ihr gehabt. Und es hätte im geholfen, sich früher von E. zu lösen.

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Thema: Erinnerungen

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3 Kommentare

  1. Es ist wirklich leider oft unmöglich, das Glück fest zu halten… Oder scheint uns das in der Situation nur so?

  2. @ursel: Komisch, Hanna ist ein wenig eifersüchtig geworden, dabei ging es mirbei diesem Artikel nicht darum, das Glück festzuhalten. Eher darum, dass vieles hätte anders kommen können, wenn E. nicht gewesen wäre, das ist das eigentliche Trauma.

  3. Was wäre denn gewesen, hätte es E. nicht gegeben? Evtl. hättest Du einen ganz anderen Weg genommen und Hanna niemals kennen gelernt?