
So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Etwas verloren stand ich vor dem großbürgerlichen Wohnhaus aus der Zeit um 1900. In der Anzeige am Anschlagbrett an der Universität war die Rede von einer Computerfirma, die Leute für einen Kurs suchte. Zugegeben, ich hatte nicht gerade präzise Vorstellungen davon, wo eine Firma sitzen musste. Mein Studium war abgesichert gewesen durch ein Stipendium, das meiner Vorstellung gemäß reichlich bemessen war. Und ich hatte viele Gelegenheiten genutzt, sogar das aufzubessern, durch Nachhilfestunden oder Arbeit als Tutor an der Uni. Meine Erfahrungen mit dem “normalen” Arbeitsleben beschränkten sich bis dahin auf einen kurzen Einsatz bei der Stadtreinigung zum Schneeschippen, damals, als die Stadt unter dem Schnee erstickte und dringend Aushilfskräfte zur Beseitigung der Schneemassen suchte. Das war auch das erste Mal, dass ich mich mit solchen Formalitäten wie die einer Lohnsteuerkarte herumschlagen musste. Ich konnte also nicht gerade behaupten, dass ich im normalen Arbeitsleben bewandert war.
Ich rief mir noch einmal den Wortlaut der Anzeige ins Gedächtnis: “Studenten gesucht für einen kostenlosen Computerkurs mit Aussicht auf eine Beschäftigung danach.” Ich hatte gerade meine Diplomarbeit abgegeben und befand mich auf der Suche nach einer Beschäftigung für die nächste Zeit. Eigentlich war eine Promotion angesagt, bestimmt durch die Vorstellung meiner Familie, dass ich doch Professor werden sollte. Aber ich musste ja von irgendetwas leben und der Anschlag war das erste beste, eine Möglichkeit halt. Würde schon irgendwie eine Möglichkeit bieten, die Zeit bis zur Gewährung des Promotionsstipendium zu überbrücken.
Und nun stand ich hier vor diesem Haus. Nach allen meinen Vorstellungen wohnten hier Professoren der Uni, vielleicht könnte man auch die eine oder andere WG hier finden. Ich schaute noch einmal auf das Schild an der Hauswand. Doch, es war wohl richtig, da stand eindeutig Bahlgren & Co, der Firmenname, der auf dem Anschlag angegeben war.
Ich rief mir noch mein Erscheinungsbild vors Auge. Lange blonde Haare bis auf die Schulter, ungepflegter Vollbart, einfach entstanden aus Faulheit, rasieren kann so anstrengend sein. Ich zuckte innerlich mit den Schultern und redete mir ein, dass sie halt selber Schuld hätten, wenn sie das als Nachteil ansehen würden.
Ich seufzte, gab mir einen Ruck und klingelte.
Der Summer gab mir die Tür frei und ich stieg die paar Stufen zur Erdgeschosswohnung (oder sollte ich sagen, zum Büro?) empor. In der Tür stand eine hagere Frau, irgendwie konnte ich das Alter nicht schätzen, sie war eine der Frauen, die immer irgendwie zeitlos wirken würden.
Unsicher sagte ich: “Hallo, ich bin Sven Wagner, ich hatte angerufen wegen des Kurses.”
Sie musterte mich von oben bis unten.
“Hallo ich bin Lena, komm erst einmal rein!”
Vorsichtig überschritt ich die Schwelle und stand dann ein wenig verloren im Flur des Büros. Aus den Augenwinkeln musterte ich die Räumlichkeiten, sie wirkten auf mich eher wie eine WG, nicht wie ein Büro.
“Setz dich erst einmal” sagte Lena und führte mich in ein Büro, das offensichtlich ihres war, “Walter ist gleich bereit für Dich!”
Ich setzte mich auf den freien Stuhl und machte mich bereit auf das, was kommen mochte. Lena verschwand im Raum nebenan, ich hörte eine laute Männerstimme, die Worte konnte ich nicht verstehen. Lena kam zurück und fragte mich, ob ich Lust hätte, das Büro anzuschauen.
“Warum nicht” meinte ich und folgte ihr hinaus in den Flur. Sie führte mich zuerst in den Raum gleich links, offensichtlich die Küche. Ein offensichtlich selbst gezimmerter Tisch aus Bodenlatten dominierte den Raum, dazu aus den gleichen Brettern grob gezimmerte Bänke.
“Das ist unsere Küche. Die Getränke werden natürlich von uns gekauft” erklärte mir Lena.
Auf dem Boden unter einem ebenso roh gezimmerten Regal standen einige Getränkekisten und mit einiger Verwunderung registrierte ich die große Anzahl an Kisten mit Flensburger Bier. Auf einer Küchenspüle war auch eine Kaffeemaschine zu sehen, mit frisch gebrühtem Kaffee.
Der nächste Raum rechts entsprach dann meiner Vorstellung von einem Büroraum. Drei Schreibtische mit Kunststofffurnier bildeten ein Dreieck, dazu bedeckten entsprechende Regale die Wände. Der Raum nebenan wurde dominiert von einem riesigen rechteckigen Tisch.
“Der wurde gestiftet von Marianne Euler” meinte Lena unaufgefordert. “Das ist ein alter Senatstisch, der ist bei unseren Gesellschafterversammlungen ganz wichtig”.
Langsam fiel es mir auf, dass keine Schreibtische besetzt waren und ich fragte, wo denn die Leute seien, für die diese Schreibtische seien.
“Die sind natürlich beim Kunden” antwortete Lena.
Der nächste Raum bot mehrere Überraschungen. Dominiert wurde er von einer großen Tischtennisplatte. In einer Ecke stand auch ein altes Flippergerät, offensichtlich noch auf Relaisbasis. Lena erklärte, dass das der Erholungsraum sei, der würde auch gut genutzt. Die letzte Überraschung war dann eine Stahltür, die offensichtlich in eine Wohnung im Nachbarhaus führte. Dort wurden mir noch 5 Räume vorgeführt. Alle mit kunstofffurnierten Schreibtischen ausgestattet. Auch diese Räume sahen aus, als ob gerade jemand den Arbeitsplatz verlassen hätte, aber noch hatte ich niemanden gesehen.
Lena führte mich zurück und erklärte, dass im ersten Stock noch eine Wohnung sei, die Bahlgren nutzen würde, dort gäbe es auch einen Schlafraum, wenn man mal besonders lange beschäftigt sei. Wir einigten uns darauf, dass diese Wohnung irgendwann einmal besichtigt werden sollte.
Lena sagte: “Ich schau mal ob Walter jetzt Zeit hat!”
“Es dauert noch einen kleinen Moment”, mit dieser Aussage kam sie zurück. “Willst Du etwas zu trinken, einen Kaffee, ein Wasser oder ein Flensburger?”
Hm, das Angebot eines Flensburgers fand ich schon ungewöhnlich, aber nicht mehr so unverständlich nach der Besichtigung der Kaffeeküche.
“Nein, danke, ich möchte nichts.”
“Und Du bist Mathematiker? Das ist mir irgendwo unheimlich!”
“Ach was, Mathematiker sind auch nichts Besonderes!”
“Unser Chef hat auch Mathematik und Physik studiert, aber nicht mit einem Abschluss, ich finde das immer noch außergewöhnlich, dass man so etwas studieren kann!”
“Ich gehe davon aus, dass du nichts mit Mathe oder so zu tun hast.”
“Nein, ich habe Mathe immer gehasst.”
“Lena, ist das dein richtiger Name?”
“Ganz ehrlich, ich heiße Magdalena Müller-Beuschel, aber ich werde nur Lena genannt.”
Plötzlich höre ich einen Schrei aus dem Nebenzimmer. “Bin fertig, kannst jetzt den Studenten reinschicken.”
Magdalena Müller-Beuschel, genannt Lena, sagte “Walter will Dich jetzt sprechen, er ist im Nebenzimmer.”
Es geht also los, dachte ich, stand unsicher auf und ging in das nächste Zimmer.
Das Zimmer, Büro, war nur wenig größer als das Vorzimmer. Der Schreibtisch belegte die größte Fläche. Dahinter saß ein kompakter Rothaariger mit den Füßen auf dem Schreibtisch.
Er musterte mich von oben bis unten und sagte:
“Ich bin Walter, und du?”
“Sven Wagner, ich habe euren Anschlag an der Uni gesehen, deshalb bin ich hier.”
“Aha, du willst für uns arbeiten, wie viel Geld bringst du denn mit?”
Verunsichert sagte ich: “Wie? Was heißt das?”
“Naja, jeder der bei uns anfängt wird einfach Unternehmer!”
“Das verstehe ich nicht, ihr habt doch Studenten gesucht, die für eine spezielle Maschine ausgebildet werden sollen. Was hat denn ein Computerkurs mit einem Unternehmer zu tun?”
“Wenn du den Kurs gemacht hast und gut genug warst, dann stellen wir dich ein. Wir stellen aber nur ein unter einer Bedingung: Wir stellen dich ein auf Probe, nach maximal 2 Jahren wirst du entweder Gesellschafter oder du gehst woanders hin.”
“Davon habt ihr aber nichts gesagt in eurem Anschlag. Wieso habt ihr ihn denn so formuliert?”
“Unser Kunde, die Firma Pfaeffle, braucht einfach Leute und wir haben zugesagt, die auf unsere Kosten auszubilden, dafür bieten sie uns Aufträge danach.”
“Und was zahlt ihr, wenn ich den Kurs mache?”
“Nichts natürlich, aber wenn du gut bist, dann bieten wir dir hinterhereinen Job.”
“Ich weiß nicht, ich bin gerade mit dem Studium fertig. Mein Stipendium läuft aus und ich brauche Geld. Wenn ich auf euren Kurs eingehen soll, ok, aber ich will einen Arbeitsvertrag, einen kostenlosen Kurs mache ich nicht.”
Walter Pfefferkorn musterte mich von oben bis unten.
“Na gut” meinte er, “versuchen wir es miteinander, ich bin gespannt, ob du Gesellschafter wirst.”
Bild: Rembrandt “Gelehrter an seinem Schreibtisch”