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Seuche

Dienstag, 3. Juni 2008 | Autor: mouchi

TBC linksGerade hatte ich sie kennen gelernt. Irgendwie hatte sie es mir nicht erzählt in den ersten Wochen unserer Beziehung, aber irgendwann musste sie mir die Krankheit beichten. Eigentlich hatte ich damals, in der Mitte der 80er Jahre gedacht, sie sei längst ausgestorben. Sie galt als Armutskrankheit, nach dem Tod meiner Mutter hatte ich erfahren, dass auch sie daran gelitten hatte. Allerdings hatte sie es geschafft, das vor ihrem Mann, meinem Vater geheim zu halten, wir Kinder waren einfach zu klein. Als ich wegen der anderen Krankheit im Alter von einem Jahr monatelang im Krankenhaus war, war meine Mutter offensichtlich im Sanatorium oder zumindest in Behandlung.

Und jetzt erfuhr ich, dass auch meine frische Liebe diese Krankheit hatte. Es liess sich nicht mehr verheimlichen, denn die Behörden gehen in solchen Fällen ganz strikt nach dem Bundesseuchengesetz vor und kontrollieren. Da wurden alle Kontakte erfragt und die wurden dann zur Untersuchung geladen. Und irgendwelche Therapiemaßnahmen wurden auch vorgeschrieben. Auch das kannte ich selbst von mir und der anderen Krankheit, bei der mich die Gesundheitsämter bis zum Alter von 18 Jahren unter Beobachtung hatten.

Es wurde bei ihr ein stationärer Sanatoriumsaufenthalt angeordnet, da ließ sich die Krankheit nicht mehr verheimlichen, sie musste für eine längere Zeit ins Lungensanatorium. Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt, war die Diagnose. Wie gesagt, sie galt als ausgestorben, aber trat dann plötzlich wieder auf, besonders bei Leuten, die irgendwelchen Kontakt zu Drogensüchtigen hatten.

Das Sanatorium lag im Süden der Stadt, kein Zauberberg, keine Romantik, einige prosaische Backsteinbauten im Wald. Richtig stationär war der Aufenthalt nicht, es ging darum, die Medikamente unter Aufsicht zu nehmen, Freigang war erlaubt, manchmal konnte sie auch fürs Wochenende in die Stadt kommen. Die anderen Patienten passten zum eben beschriebenen Milieu, auf jeden Fall wurde kräftig geraucht und wohl auch häufig in der Dorfkneipe gesoffen.

Sie hatte Rückenprobleme und deshalb immer Schmerzmittel dabei und Einwegspritzen. Als die Pfleger das entdeckten, da stand sie kurz vor dem Rauswurf und schärferen Maßnahmen, denn natürlich dachten die Pfleger in Anbetracht der Klientel, dass sie zur Gruppe der Konsumenten von harten Drogen gehörte.

Einfach war die Zeit nicht, für einen Besuch musste ich 50 km hin und wieder zurück fahren, aber die Liebe half, das durchzustehen. Irgendwann war die Krankheit dann ausgeheilt und wir konnten unsere neuen Wohnungen genießen.

Was mich im Nachhinein immer wieder beunruhigt hat: Mich hat sie nie dem Gesundheitsamt gemeldet udn ich wurde deshalb auch nie untersucht. Wer weiß, was hätte passieren können.

Bild: ErikH Lizenz: GNU Free Documentation license

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Trampen (3)

Montag, 19. Mai 2008 | Autor: mouchi

Pont d'AvignonDie dritte und auch letzte Tour führte uns dann nach Frankreich. Mit Gitarre und Rucksack sollte uns der Weg letztlich nach Avignon führen, aber der Weg dahin war beschwerlich. Irgendwo in der Nähe von Dijon steckten wir total fest, aber darüber habe ich schon früher berichtet.

Avignon im Sommer war damals ein beliebtes Ziel, die Jugendherberge war total überfüllt und so hatten sie ein großes Zelt als Erweiterungsbau installiert, ein Zelt, in dem dann 20, 30 oder 40 junge Männer auf Feldbetten übernachten konnten.

Damals musste man in Frankreich Baguette, Käse und Rotwein geniessen, und ich glaube mich daran zu erinnern, dass wir genau das unter der berühmten Brücke genossen haben, sozusagen ein “Petit Dejeuner sur le Pont d’Avignon”.

Ein anderes Highlight war eine Ausstellung des Spätwerkes von Picasso, bei dem man den Eindruck haben konnte, dass er im Alter an nichts anderes als nackte Frauen und Vaginas denken konnte. Und ich als noch etwas naiver 18-Jähriger stand staunend, vielleicht auch ein wenig abgestossen vor diesen großformatigen Fotzenbildern, ein anderes Wort wäre sicher nicht angemessen.

Den Rückweg nahmen wir über die Schweiz, erinnern kann ich mich an das Land nicht, aber das ist mir mit der Schweiz immer irgendwie so gegangen. Der Wiedereintritt nach Deutschland ist mir dann allerdings genau in Erinnerung. Für die kleinbürgerlichen, wohl etwas gelangweilten Zollbeamten war ich ein dankbares Objekt zum Filzen, man konnte ja mal schauen, ob Drogen im Spiel waren. Also wurde mein Rucksack ganz gründlich zerlegt.

So richtig ernst war das allerdings nicht gemeint, denn in meiner Gitarre hätte ich kiloweise Stoff transportieren können, denn die wurde einfach nicht beachtet.

Irgendwie kamen wir dann letztlich über Freiburg mit dem Besuch des Münsters wieder zurück nach Hause, aber die Erinnerungen sind nicht so lebhaft, vielleicht war es dann nur konsequent, dass es die letzte Tour als Hitchhiker war.

Foto: ChrisO Lizenz: GNU Free Documentation license

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Trampen (2)

Mittwoch, 14. Mai 2008 | Autor: mouchi

Trafalgar SquareDie zweite Tour ein Jahr später führte A. und mich im nächsten Jahr dann nach Großbritannien. Und von heute aus betrachtet war diese Reise im Jahr 1969 irgendwie als historisch zu betrachten, zumindest haben wir einige heute als historisch bezeichnete Ereignisse erlebt. Aber der Reihe nach.

Unsere Tour führte uns zunächst nach Holland, und die Niederlande waren auch damals nicht so einfach für Anhalter. Wir hatten unser Ziel, Hoek of Holland nicht erreicht und übernachteten irgendwo in einem Feld in der Nähe des Ijsselmeers. Am nächsten Tag erreichten wir dann die Fähre, waren aber entsprechend erschöpft, als wir dann die Insel erreichten.

Aber wir hatten Glück, mit der ersten Tour nach Harwich nahm uns ein Handwerker in seinem Lieferwagen mit nach London. Irgendwie fühlte er Verantwortung für uns, brachte uns also erts einmal in seine Wohnung nach London, wo er uns ein Bett für die Nacht zur Verfügung stellte. Wir haben fern gesehen an diesem Abend, damals gab es im Vereinigten Königreich schon kommerzielle Fernsehkanäle, ich erinnere mich an einen Werbespot für Staubsauger, der irgendwie folgendermaßen ablief: Im TV wurde gesagt “Have you got a Hoover 50?” und die Handwerkerfamilie antwortete unisono: “No!”

Am nächsten Tag wurden wir dann in der Jugendherberge im Epson Forrest untergebracht und genossen die Tage in London. Und zu genießen gab es genug, die Reihenfolge kann ich nicht mehr mit Sicherheit bestätigen, aber an einem Tag mischten wir uns unter all die Menschen, die am Trafalgar Square gebannt auf die Großleinwand starrten und dem Bericht von der Mondlandung folgten.

An einem anderen Tag waren wir im Hyde Park unter noch mehr Menschen und folgten einem Superlivekonzert. eintrittsfrei, es war das Konzert, auf dem die Rolling Stones auftraten, nachdem Brian Jones ertrunken war. In Erinnerung an ihn ließen die Stones tausende Schmetterlinge frei.

Von London führte uns unsere Tour nach Chester bei Liverpool und dann nach Edinburgh. In Schottland war es diesmal umgekehrt, A. verliebte sich in eine Schottin, ich glaube Margarete hieß sie und ich musste dann das Geturtele aushalten. Allerdings hatte ich die beste Freundin zum Trost.

Auf der Rückfahrt von Edinburgh nahm uns der Fahrer eines Rovers mit und wir dachten schon, dass er unheimlich was auf dem Kerbholz hatte. Denn während der Fahrt forderte er uns immer wieder eindrücklich auf, nach Polizei Ausschau zu halten. Erst nach einiger Zeit wurde uns klar, dass er nicht auf der Fahndungsliste stand, sondern einfach die für uns Deutsche ungewohnte Geschwindigkeitsbegrenzung nicht beachten wollte.

In London griffen wir dann noch einmal auf den Handwerker zurück, nach Anruf nahm er uns noch eine Nacht auf. Da unser Geld langsam zur Neige ging, übernachteten wir dann in der nächsten Nacht in unserem Schlafsack im St James Park. D, hat es mir später nicht geglaubt, aber es war eine sehr beschützte Nacht. Ich erinnere mich daran, dass einer der typischen englischen Bobbys uns in der Nacht weckte und fragte, ob wir eine Frau hätten schreien hören. Wir verneinten und er ließ uns in Ruhe.

Der Urlaub neigte sich dann dem Ende zu und wir versuchten, sehr schnell zurück nach Hamburg zu kommen. Es gin auch sehr schnell, wir waren früh in Dover und entschlossen uns, so schnell wie möglich weiter zu fahren. Die Fähre braucht nicht lange und es ging von Calais sehr schnell weiter. Und kurz vor aachen, noch immer in Belgien, da steckten wir dann plötzlich an einem Autobahnkreuz fest. 10 Stunden, 15 Stunden, 20 Stunden, kein Weiterkommen in Sicht. Irgendwann ging es weiter und wir landeten total erschöpft kurz hinter der Grenze in Aachen.

In Belgien hatten wir keine Deviesen getauscht, deswegen fielen wir nach der Grenze in Aachen in das erste Gasthaus ein und bestellten eine Brotplatte und Bier und wir fielen ausgehungert darüber her.

Aber wir wollten weiter und an die folgende Fahrt erinnere ich mich nur insofern als dass ich die Fahrten verdöst habe. Irgendwann waren wir so total erschöpft, dass wir uns mit unseren Schlafsäcken in einen Graben verzogen auf einer Raststätte an der Autobahn. Am nächsten Morgen wurden wir von der Polizei geweckt mit einer Lautsprecherdurchsage: “Aufstehen, die Autobahn ist kein Schlafplatz!”

Es ging weiter und wir waren dann froh, als wir bei A.’s Bruder in Nienburg ankamen und endlich duschen konnten.

Foto:Andreas Tille http://fam-tille.de/england/london/2001_009.html, Lizenz:GNU Free Documentation license

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Trampen (1)

Dienstag, 13. Mai 2008 | Autor: mouchi

Heidelberger SchlossInsgesamt habe ich als Schüler und Student 3 Tramptouren mit A. gemacht. Die erste davon führte uns in den Süden Deutschlands, das dürfte im Alter von etwa knapp 17 gewesen sein. Wenn ich mich recht entsinne führte uns die Tour nach Miltenberg, das später für mich noch einige Bedeutung gewinnen sollte, dann in den Odenwald und über Heidelberg und Bamberg an den Rhein und zurück nach Hamburg. Natürlich sind solche Erinnerungen immer gefärbt, da kann es schon passieren, dass die Reisen etwas durcheinander geraten.

Das Fahren per Anhalter war in der zweiten Hälfte der Sechziger eine durchaus normale Fortbewegungsreise. Und da unsere Reise einiges an Kultur zu bieten hatte, hatten wir auch die Zustimmung unserer Eltern, die über die Reise voll informiert waren. Miltenberg am Main ist ein historisches Städtchen am Rande des Odenwalds, wohin mich meine Wege fast 20 Jahre später noch häufiger hinführen sollten, dann Amorbach mit dem bekannten Kloster, Heidelberg als Sinnbild Deutschlands für viele, die Barock- und Rokokostadt Würzburg, Bamberg mit dem größten unversehrt erhaltenen historischen Stadtkern in Deutschland und dann natürlich der Rhein.

Das Trampen lief gut, die Leute waren wenig misstrauisch, eine Frau in einem Mini mit Minirock hat uns zwei junge Männer einmal mitgenommen und dann ganz erschreckt gemeint, huch, sie wüsste gar nicht, warum sie uns mitgenommen hatte, eigentlich sollte sie doch Angst haben.

Natürlich waren alle angesagten Sehenswürdigkeiten auf der Liste, und bei einer dieser Sehenswürdigkeiten schlug dann das Klischee zu: ich hatte mein Herz auf dem Heidelberger Schloss verloren. Ich traf eine Dänin, Ellen, ein Name, der auch später für mich Bedeutung erlangen würde, und ich war hin und weg. Der arme A., er war fortan abgemeldet, hat es aber mit Fassung und Toleranz ertragen. Da wurd egeturtelt, geflirtet, geküsst, alles in Ehren, denn wir waren ja letztlich behütete (Klein-)Bürgersöhne, aber es waren schöne und traumhafte Tage.

Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, für die Sehenswürdigkeiten hatte ich keinen Blick mehr, ich kann nicht einmal sagen, ob E. auch nach Würzburg weiter gereist ist und ich sie dort wieder gesehen haben, in meiner Erinnerung ist das so verankert. Auf jeden Fall blieb ich in Briefkontakt, und nach diesem verliebten Sommer war auch ein Besuch in Kopenhagen schon verabredet, ich erinnere mich noch daran, dass ich die Bestellung der Alkoholmitbringsel schon erhalten hatte. Der Besuch in Kopenhagen kam dann aber nicht zustande, während meine Mutter das Trampen erlaubt hatte, war sie dann strikt gegen den Besuch in Dänemark. Meinem Vater wäre das sicher egal gewesen.

Der Rest der Reise ist im Liebesrausch versunken, da gibt es nicht viel, an das ich mich erinnere, vielleicht sticht der Besuch einer Veranstaltung in Bamberg noch heraus, da waren nämlich in unserer Anwesenheit eine Variante der Hell Drivers zu Gast.

Schließlich landeten wir (oder nur ich?) am Rhein, wo meine Eltern in einer ganz normalen Pension Urlaub machten. Immer noch verliebt und total erschöpft war ich wieder im Schoß der Familie gelandet.

Foto: Wowox Lizenz: GNU Free Documentation license

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Erinnerungen an Sylt

Dienstag, 6. Mai 2008 | Autor: mouchi

Klassenreise 6. KlasseDie Insel war im Prinzip außerhalb meiner Welt. Heute würde ich sagen, es ist eine Pirateninsel, wo die Einwohner Fremde ausnehmen. Aber schon damals, Anfang der 60er galt sie als teuer und eher für Reiche geeignet, meine Familie gehörte sicher nicht dazu. Und trotzdem passierte es, dass ich, es war im Jahr 1963 oder 1964, glaube ich, die Zeit verschwimmt, jedenfalls war ich in der 6. Klasse, es passierte also, dass ich plötzlich fast drei Monate auf dieser Insel verbrachte.

Man muss dazu wissen, dass während meiner ganzen Jugend das Gesundheitsamt einen Blick auf mich hatte, denn als Säugling war ich an einer meldepflichtigen Seuche erkrankt, der Polio, und das bewirkte, dass ich mich während meiner ganzen Jugend jährlich beim Amtsarzt vorzustellen hatte. Und der sorgte immer mal wieder dafür, dass ich einer Kur ausgesetzt wurde, ob das immer ein Segen war, weiß ich nicht, aber es war halt so.

Im zweiten Jahr auf dem Gymnasium wurde ich dann für sechs Wochen nach Sylt “verschickt”, wie man damals sagte. Es war am Anfang des Schuljahres und so richtig glücklich war ich damals nicht, als ich am Anfang des Schuljahres herausgerissen und nach Sylt verfrachtet wurde. Das Prinzip so eines “Kurlaubs” hieß damals, essen, essen, und frische Luft genießen. Im Alter von 11-12 war immer ein wenig Heimweh dabei, auch wenn es für mich nicht das erste Mal war. Die Freizeit wurde ausgefüllt mit Wanderungen oder der Aufführung von mehr oder weniger lustigen Sketchen.

Ich war also glücklich, als es wieder zurück ging und was musste ich erfahren? Fast unmittelbar ging es wieder auf die Insel, diesmal unter anderen Vorzeichen, es war eine Klassenreise. Fast dreißig Schüler machten sich also mit der exotischen “Lastwagenbahn” von Westerland auf ins “Heim” nach Wenningstedt. Da war dann nicht das Zunehmen das Ziel, im Gegenteil, der Klassenlehrer erklärte der reinen Jungensklasse in der beginnenden Pubertät, dass das Essen von mehr als drei Scheiben Brot reine Fresssucht sei, in einer Situation, wo wir bis zu neun Scheiben beim Abendbrot verdrückten.

Dieser Appetit war natürlich auch bedingt durch gewisse Strafmaßnahmen, einem Klassenkameraden war das Portemonnaie verloren gegangen und in der Annahme, dass es geklaut war, natürlich von einem von uns, wie der Klassenlehrer annahm. Da sich keiner dazu bekannte, erinnere ich mich besonders an Strafrunden rund um den Sportplatz, was den Appetit natürlich anregte. Der “Täter” fand sich natürlich nicht.

So richtig positiv sind die Erinnerungen also nicht, aber so war die erste Hälfte der Sechziger, das Danach kam ja nicht von ungefähr.

Foto: Peter Breitenfeld (zeigt Mitreisende der Klasse, aber nicht mich)

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Appetitanreger

Dienstag, 29. April 2008 | Autor: mouchi

JointH. war ziemlich hager, ja man kann sagen, dass er richtig dünn war. Lange Haare, leicht fettig, hatte er und einen eher spärlich wachsenden Vollbart. Er war Fan von Jimi Hendrix und er hielt sich für alternativ. Wenn ich ihn besuchte, dann bereitete seine Freundin garnierte Schnittchen vor, Brot mit gekochtem Schinken, mit Meerrettich garniert.

Überhaupt die Freundin. Sie war immer im Hintergrund, eine immer bereite Dienstleistungskraft, wenn er von ihr redete, sprach er von seinem Schnittchen. Stolz redete er davon, dass sein Arzt ihm Haschisch verschrieben hatte, um seinen Appetit anzuregen. Natürlich drehte er sich dabei einen Joint.

Wien hat seine Machos und H. war einer davon, auch wenn er sich selbst als progressiv bezeichnete, ein Vorbote der neuen Zeit. Man wusste nie, ob es so gemeint war oder ob es sich um einen typischen Schmäh handelte, für den die Wiener bekannt sind.

An einem Wochenende, an dem ich in der Stadt bleiben musste, der Kunde zahlte Heimflüge nur alle zwei Wochen, da fragten mich F., mit dem ich zusammen arbeitete, und H., ob ich mitfahren wolle in die Kleinstadt, nach St. Pölten. Ich hatte nichts Besseres zu tun und war für jede Abwechslung dankbar, so willigte ich ein. Im weißen Opel Rekord von F. ging es in rasanter Fahrt aufs Land, eine Disko wurde angesteuert.

Als wir dort ankamen, hatte ich schon ein merkwürdiges Gefühl. Es war klar, dass H. und F. dort erwartet wurden, offensichtlich war es nicht das erste Mal, dass sie dort auftauchten. Mit mir im Schlepptau, schlenderten sie durch die Kleinstadtdisko, wurden von fast allen begrüßt. Nur langsam bekam ich mit, was dort ablief. Offensichtlich waren H. und F. die Stofflieferanten in der Stadt, diejenigen, die dafür sorgten, dass St. Pölten den kleinen Trip nehmen konnte am Wochenende.

Auf der Rückfahrt erzählte mir F. von wilden Verfolgungsjagden mit der Polizei, denen er immer wieder entwischte in rasanter Fahrt.

F. ist mittlerweile Chef einer Computerfirma, von H. habe ich nach meiner Rückkehr nie wieder etwas gehört.

Foto: Chmee2 Lizenz: GNU Free Documentation license

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Fondue

Montag, 28. April 2008 | Autor: mouchi

Käsefondue Offensichtlich werden Käsefondues wieder modern. Jedenfalls habe ich letzte Woche in London wieder mal eines genossen und das rief natürlich Erinnerungen wach an eine Zeit, als so etwas sehr exotisch war.

Es war wohl im Jahr 1970 als ich mit A. auf eine Anhaltertour in Richtung Frankreich aufbrach. Die Reise sollte uns letztlich nach Avignon führen. Mein Vater leitete damals ein Blasorchester in Schwarzenbek, eine Kleinstadt vor den Toren Hamburgs, die eine Städtepartnerschaft mit Aubenas in Frankreich abgeschlossen hatte. Vor der Reise wurden wir also mit Gastadressen versorgt, mit der Maßgabe, dort auf jeden Fall vorbei zu schauen, vielleicht eine Beruhigung für die Eltern, die dann wenigstens eine verlässliche Zwischenmeldung von der Reise bekommen konnten.

Die Fahrt dorthin war schwierig genug, eines Abends waren wir gestrandet, es wollte uns einfach niemand mitnehmen. Und es wurden immer mehr Tramper, die auch nicht weiter kamen, bis dann irgendwann ein junger Franzose vorbeikam. Er erklärte, dass er sich mit seinen Eltern verkracht hätte und lud uns ein, die Nacht auf dem Heu in einer Scheune zu verbringen. So zog ein müder Tross von stecken gebliebenen Anhaltern hinter ihm her und freuten sich, die Nacht in Ruhe verbringen zu können. Er erzählte uns auch von dem Problem, in der Gegend war einige Tage zuvor ein Autofahrer von einem Anhalter umgebracht worden.

Trotzdem ging es irgendwann weiter und wir kamen schließlich in der Gastfamilie Eine gemütliche, dicke Frau, die Frau des Bürgermeisters hieß uns willkommen und zeigte uns unser Bett. A. und ich in einem Ehebett. Vielleicht wäre ich gerne schwach und schwul geworden, aber ich habe mich nicht getraut und zu erschöpft waren wir allemal. So erschöpft, dass wir am nächsten Tag bis in die Puppen schliefen, so lange, dass unsere Gastgeber schon überlegten, ob sie nicht die Polizei rufen sollten.

Am nächsten Abend gab es dann ein Essen, dass ich noch nicht kannte. Die Bürgermeisterfrau machte ein Käsefondue, zubereitet in einem verbeulten, normalen, türkisen Emaillekochtopf. Ich fand das total exotisch und genoss jeden Bissen dieses Essens. Vielleicht das beste Essen auf dieser Reise, dicht gefolgt von dem Essen mit Baguette, Käse und Rotwein aus der Flasche “sur le pont d’Avignon”, unter den Brücken von Avignon, wo jedermann tanzt.

Obwohl, bei näherem Nachdenken war das mit dem Fondue 3 Jahre später, in der Gastfamilie beim Sprachkurs in Tour. A., weisst Du es besser?

Foto: johl Lizenz: Creative Commons Attribution Share Alike

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Unwetter

Dienstag, 22. April 2008 | Autor: mouchi

Airbus PanAmSchwarz ist der Himmel über Tegel. Der Flughafen ist sehr leer, es wirkt fast so, als ob alle Einwohner und Gäste Berlins zu Hause geblieben sind, wie Tiere, die sich vor einem drohenden Unwetter verkriechen. Er muss zurück nach Hamburg, der schnellste weg ist das Fliegen, mit einer Flugzeuggesellschaft der Alliierten, die das Flugmonopol in der Stadt haben.

Er ist früh da und wandert langsam durch das runde Terminalgebäude, bis er an dem Ausgang ist, von dem der Flug der Pan American nach Hamburg abfliegen soll. Das Terminal wirkt wie abgesperrt für Filmaufnahmen, nur ein paar Komparsen verirren sich in den Gängen. Gleich kommt er dran, erhält die Bordkarte, das geht schnell, denn Gepäck hat er keines, er braucht es auch nicht für eine Tagesreise.

Passkontrolle, diesmal gibt es keine Probleme, er hat alles dabei. Er denkt zurück an den Flug, wo er verzweifelt den Ausweis suchte und nicht fand. Er wurde zur Flughafenpolizei geschickt, um sich ein provisiorisches Reisedokument zu holen und es überreicht bekam mit der Bemerkung, dass er jetzt gespeichert sei und nächstes Mal keinen provisorischen Ausweis mehr bekommen würde.

Am Flugsteig sitzen drei oder vier Leute, augenscheinlich in ihre Zeitungen vertieft, es ist aber eine große Spannung zu spüren. Die Wolken werden dunkler, die ersten Blitze erhellen den Himmel, dumpfes Grollen dringt durch die dicken Scheiben. Eine Verspätung wird durchgesagt, der Flug ist um 10 Minuten verzögert.

Mittlerweile hat es zu regnen angefangen, dicke Tropfen klatschen auf die großen Fenster. Da kommt der Aufruf, man kann einsteigen. Er geht den fensterlosen Gang zum Flugzeug, findet seinen Sitz. Er kann kaum aus dem kleinen Fenster schauen, Wasserbäche finden ihren Weg von oben nach unten. Vielleicht 15 oder 20 Leute verlieren sich im Airbus der etwa 300 Sitze hat.

Der Pilot meldet sich und kündigt einen unruhigen Flug an. Dass ein Unwetter tobt, das kann man sehen, und er wird unruhig, er weiß dass ein Gewitter nicht die einfachste Situation ist für einen Piloten. Die Flugzeuge nach Hamburg dürfen nicht über 3000 m steigen, es ist klar, dass der Airbus da nicht über das Unwetter hinaussteigen kann. Der Pilot weist darauf hin und erklärt er wolle das Unwetter auf 500 m unterfliegen.

Langsam rollt das Flugzeug zur Startbahn, geht in Posititon. Die Triebwerke heulen auf, langsam nimmt das Flugzeug Fahrt auf, der Regen auf den Scheiben geht langsam von der Senkrechten in die Horizontale, wird immer dünner verweht von den Winden, die durch die Geschwindigkeit erzeugt werden, das Fenster wird langsam frei, gibt den Blick frei auf immer mehr Lichtkaskaden, Blitze die aus den dunklen Wolken zucken.

Nur langsam gewinnt das Flugzeug an Höhe, die Kabine ächzt und knarrt, beim Blick aus dem Fenster sieht er, dass die Tragflächen mehr und mehr ausschlagen, fünf, sechs Meter nach oben, und wieder zurück. Und plötzlich steigt das Flugzeug nicht mehr, unwillkürlich krallt er sich am Sitz fest, es steigt eine Angst hoch, die er sonst nie verspürt beim Fliegen. Ächzen aus der Kabine, Ausschlag der Flügel, zehn lange Minuten. Und plötzlich ist es vorbei, ganz ruhig liegt der Airbus in der Luft und steigt ganz langsam auf die vorgesehenen 3000 Meter.

Nur mit wenig Verspätung landet er in Hamburg.

Foto: John Allan Lizenz: GNU Free Documentation license

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Old, New, Any Economy

Montag, 14. April 2008 | Autor: mouchi

Web 2.0Alle reden zur Zeit von Web2.0 und neuen Firmen mit Superideen, die viel Geld machen können. Erinnerungen werden wach an eine Zeit vor 6-8 Jahren, als die so genannte New Economy boomte, junge Firmen bekamen einen Riesenbörsenwert, um dann fürchterlich abzustürzen.

Gleichzeitig erlebt zur Zeit die Old Economy, insbesondere die Banken, zur Zeit ein absolutes Desaster wegen der Hypothekenkrise in den USA. Beides sind irgendwie Blasen oder Medienhypes, die plötzlich auftreten und hochgejubelt werden, erst treibt das den Wert, aber die Schreiber sind auf Nachrichten aus und beobachten alles genau, um die Firmen, die sie hochgeschrieben haben, dann plötzlich runter zu schreiben. Dabei scheint das alles doch so einfach, es gibt Firmen, die solide und wirtschaftlich arbeiten oder solche, die nicht kalkulierbare Risiken eingehen. Egal, ob New oder Old oder irgendwie geartete Economy.

Ihm ist irgendwie vieles davon bekannt. Damals, in den 70er Jahren, er hatte gerade sein Studium abgeschlossen, er wollte eigentlich promovieren und suchte nur einen Job, um die Zeit bis zur Gewährung des Stipendiums zu überbrücken. Da fiel ihm die Anzeige der Softwarefirma ins Auge, die Leute suchte, um Programme für einen Bankencomputer zu schreiben. Naja, da kann man sich ja mal melden, und so fand er sich dann plötzlich wieder in einem Crashkurs zur Programmierung eines Bankencomputers einer Firma aus Villingen im Schwarzwald, 4 Wochen, natürlich unbezahlt, aber mit der Aussicht auf einen Job danach.

Der Kurs war ein Kinderspiel, er arbeitete sich schnell ein und war ein erfolgreicher Teilnehmer, so dass man ihm dann einen Vollzeitarbeitsvertrag anbot. Das Gehalt fand er hoch, auch wenn er später feststellte, dass es doch um einiges unter marktüblichen Konditionen lag. Aber, beeinflusst von den Ideen der 68er, fand er die Idee der Firma toll: man sollte so etwa 1-2 Jahre arbeiten, dann würde man Gesellschafter und mit beteiligt an der Firma oder man sollte wieder gehen. Also ließ er sich darauf ein, vergaß die Promotion, die Aussichten in der Wissenschaft waren sowieso nicht gut kurz nach Verabschiedung des Hochschulrahmengesetzes (Professor nach 6 Jahren oder aus an der Uni). Ja er verzichtete sogar auf das Beantragen des Stipendiums und fand seine Arbeit spannend.

Das Modell hätte auch gut gehen können, es gibt andere Dienstleister da funktioniert das, wie er später erfuhr, bei Rechtsanwälten, Beratern und anderen Dienstleistern. Dass das mit einer gehörigen Portion Selbstausbeutung einher geht lernte er nur nach und nach.

Aber die Leute in dieser Firma waren kreativ, sie hatten Ideen, die sie verwirklichen wollten, und sie waren gut. Nach und nach verließen sie das Feld der Dienstleistung und begannen Produkte zu entwickeln, SUperideen und vor ihrer Zeit. Intel war schlecht, sie setzten auf Zilog oder Motorola. Microsoft war nur kommerziell, Unix war viel besser usw. usw. Trotzdem schafften sie es, Geldgeber zu überzeugen. Was man knapp zwanzig Jahre später über einen Aktiengang am Neuen Markt gemacht hätte hieß damals das Einwerben von Fördergeldern und Überzeugen von Venturekapitalgebern. Beides überaus erfolgreich.

Es wurde also geklotzt in der Produktentwicklung. Das dienstleistungsorientierte Beteiligungsmodell geriet aus den Fugen. Und die guten technischen Ideen bewirkte auch eine ziemliche Arroganz gegenüber dem tatsächlichen Markt, man war immer ein Stück voraus, was auch heißt, man hat am Markt vorbei entwickelt.

Ein Stück der Firma fand er später im Deutschen Museum in München, aber der Verkaufserfolg stellte sich nicht ein, Venture- und Fördergelder waren irgendwann alle und die Firma ging pleite. Er hatte das spät, aber rechtzeitig erkannt und war zwei Jahre davor abgesprungen und in eine spezielle Beratung gegangen. Sich verkaufen konnte er trotzdem nicht, gelernt hatte er auch nicht und landete tatsächlich in der so genannten New Economy.

Auch dort wurde Geld mit vollen Händen ausgegeben, nur war es diesmal Geld vom Aktienmarkt. Auch dort wurde er mit Beteiligung gelockt, diesmal aber in Form von Aktienoptionen, die schon bei Ausgabe weniger wert waren, als er bei Wahrnehmung hätte zahlen müssen. Auch dort wurde das Geld genommen, man hat es mit vollen Händen ausgegeben, man war ja technologisch so toll, aber im Ende nicht wirtschaftlich erfolgreich.

Label “New Economy” oder “Old Economy” hin oder her, man muss sehen, dass die Bilanz stimmt, nicht nur kurzfristig.

Es gab immer Warner, in der alten Firma waren es die “Abweichler”, die den Produktkurs nicht mitmachen wollten und Recht behalten sollten, in der New Economy sah er jeden Tag nach bei dotcomtod.

Auch heute liest er noch Protagonisten dieser Seite wie Don Alphonso oder Lanu oder die BooCompany. Mittlerweile arbeitet er aber bei einer Staatsfirma und wird nach öffentlichem Tarif bezahlt. Noch glaubt er allerdings nicht, dass das besser ist als in einer Economy, nur anders ist es auf jeden Fall.

Foto: Joi Ito from Inbamura, Japan – License: Creative Commons Attribution 2.0

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Cool

Donnerstag, 10. April 2008 | Autor: mouchi

Britisch Pub (not in London)Eigentlich ist es ja am besten, im Studentenwohnheim zu wohnen, wenn man als ausländischer Student nach London kommt. Aber sie waren für das Jahr im Ausland an zwei verschiedenen Universitäten eingeschrieben und beider Stipendien waren gut, ja sogar sehr gut, weil das englische Pfund gerade dramatisch an Wert verlor. Also suchten sie sich eine möblierte bleibe, für die sie mehr bezahlen konnten, als sie es sich in Deutschland jemals hätten leisten können.

Sie fanden schließlich eine möblierte kleine Wohnung, ein Zimmer mit einer extra Küche und, Luxus pur, einem Vollbad. Die Heizung war elektrisch, und um Strom zu haben, mussten sie immer für Shillings sorgen, den die Stromversorgung funktionierte nur, wenn man die entsprechenden Münzen in den Meter, den Zähler einwarf. Ihr Aufenthalt fiel in die Umstellung vom alten System mit Shilling, Pence auf das Dezimalsystem, in dem der Shilling keinen Platz mehr hatte. Einmal war er in der Bank und wollte sich den notwendigen Vorrat an Münzen holen, fragte Shillingstücken, korrigierte sich und sagte “Äh, 5-Pence-Stücke.” Der Kassierer antwortete ganz gelassen: “Für mich werden das immer Shillings bleiben!”

Die Gegend könnten sie sich heute nicht mehr leisten, auch wenn sie viel mehr Geld zur Verfügung haben, als es das Stipendium hergab. West Hempstead ist mittlerweile ein schickes Viertel mit vielen Bars und Restaurant, eine Gegend, die auch bei reichen Linken beliebt ist.

Ihre Wahl war zufällig, gute U-Bahn-Anbindung an beide Universitäten war gegeben, es gab Einkaufsmöglichkeiten, Pubs und Restaurants. Sehr häufig besorgten sie sich Essen beim Chinesen um die Ecke, ein Take-Away, das nur Essen zum Mitnehmen verkaufte. Oder sie holten sich ihr Essen beim Kaufhaus John Barnes in der Lebensmittelabteilung, wegen der Nähe zu einem jüdischen Viertel, Golders Green, spezialisiert auf deutsche Spezialitäten wie Leberwurst oder Pumpernickel, die man woanders in London nicht so einfach bekam. Die deutsche Spezialisierung war so bekannt, dass die Schaffner in den roten Doppeldeckerbussen an der entsprechenden Station ausriefen: “Anyone for Johann Barnes?”.

Um die Ecke war natürlich auch ein “Off-Licence”, ein Laden, der die Lizenz hatte, Alkohol zu verkaufen, das war damals nur diesen Läden vorbehalten, in Supermärkten oder gar Tankstellen war “Booze” nicht zu haben. Es kauften alle Leute dort ein, und so war es nicht verwunderlich, dass er eines Tages eine Unterhaltung mitbekam zwischen einer Kundin und der Kassiererin. Sie unterhielten sich über Kochen, Gewürze und was man so ans Essen tut. Sie waren sich einig in der Ablehnung von solchen exotischen Essenszutaten wie Majoran, Paprika, Knoblauch oder Oregano. Eine der Frauen äußerte das Grundprinzip ihrer englischen Kochweise: “Ich gebrauche nur Salz oder Pfeffer, alles andere kommt mir nicht ins Haus!”

Neben dem Off-Licence war ein Schlachter, auf das Ladenschild achtete er nicht, er wusste nur, einen Schlachter erkennt man am Fleisch in der Auslage. Eines Tages ging er in diesen Laden und fragte nach Bacon und wunderte sich über die Antwort: “Nein, den haben wir leider nicht.” Die Antwort war äußerst freundlich vorgetragen, aber er wunderte sich trotzdem. Beim Hinausgehen achtete er zum ersten Mal auf das Ladenschild, oh, da stand “Kosher Butcher”, ein jüdischer Schlachter. Sowas hatte er in Deutschland noch nie gesehen, es war ihm wahnsinnig peinlich.

Natürlich gehörte auch ein Pub um die Ecke dazu, der war recht modern, aber die Engländer hatten halt das Händchen dafür, ein neues Pub so zu gestalten, dass es so wirkte, als ob es schon seit Jahrhunderten da stand. Manches Mal genoss er dort typisches Pubessen, aber häufiger noch genoss er dort sein Bier am Abend, denn sie hatte noch irgend etwas zu arbeiten. An einem Abend stand er dort und unterhielt sich mit Leuten, ein Bitter in seiner Hand, denn das Lager, also Pils, das konnte man in England seiner Meinung nach nicht trinken.

An den Inhalt der Unterhaltung erinnert er sich nicht mehr, aber daran, dass eine Frau ihm irgendwann einen Zettel gab und meinte, er solle doch mal in ihrer WG in Kilburn vorbei kommen. Er war vollkommen verblüfft, das war ihm noch nie passiert, und er fragte zurück, wieso sie darauf komme. Sie sagte “You’re so cool!”

Das war für ihn eine der vielen neuen Worte, die er in der Zeit lernte, und er hatte keine Ahnung, dass das mehr als zwanzig Jahre später auch in Deutschland zu einem Modewort wurde.

Natürlich ging er nie dort vorbei, einmal weil es ihm unheimlich war, dass eine Frau ihn so offen anmachte, auch wenn er das später wieder erfahren sollte. Aber hauptsächlich deswegen, weil E. in der kleinen Wohnung war, und der wollte er diesen potenziellen Besuch nicht erklären.

Aber immer, wenn er später das Wort “Cool” hörte, und das war oft, dann erinnerte er sich an das alte, neu Pub in West Hempstead.

Foto: Axel Wegner – Lizenz: Creative Commons

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