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Dienstag, 20. Oktober 2009 | Autor: mouchi

Eigentlich hatte ich es mir sehr nett gedacht, ein zweites Blog zu haben für spezielle Sachen. Aber ich habe festgestellt, dass das nur mit genügend Zeit und Energie passieren kann, und deshalb werden die Geschichten, die ich hier veröffentlichen wollte, auch auf Hannxels Blog erscheinen. Die erste ist eine mit dem Titel “Abwärts“.

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Wiener Liebesnacht

Donnerstag, 5. März 2009 | Autor: mouchi

Der Kuss (Gustav Klimt)Seit September war er regelmäßig in Wien. Meist flog er am Dienstag hin und am Donnerstag der folgenden Woche zurück. Das war ein großes Privileg, denn eigentlich hätte man Bahn fahren müssen, und das hätte von Hamburg aus bedeutet, fast einen vollen Tag unterwegs zu sein.

Die Wiener Niederlassung der schwäbischen Computerfirma hatte einen Auftrag der Österreichischen Nationalbank bekommen, die Erfassung der Überweisungsbelege mit diesem reichlich exotischen Rechner aus den USA zu realisieren. Das Wiener Team schien überfordert mit der Aufgabe und so entschied die Zentrale, einen Externen hinzu zu ziehen, und die Wahl fiel auf ihn, jung, ein gutes Jahr Erfahrung mit dem Gerät.

Als er in Wien ankam, da fühlte er sofort, dass ihm eine gehörige Portion Skepsis entgegen schlug, ihm, dem jungen Hamburger Programmierer von 27 Jahren. Was hatte er schon vorzuweisen, ein Messeprojekt und ein Jahr Programmierung für ein Rechenzentrum der Sparkassen in Hannover. Hier ging es aber nicht um irgendeine Sparkasse, das Projekt war politisch wichtig, immerhin war der Kunde die Nationalbank.

Man gab ihm also schon programmierte Teile zur Durchsicht, damit er die Methode kennen lernt, Und schon am zweiten Tag fand er einen gravierenden Fehler und korrigierte ihn, damit war das Eis gebrochen und er in das Team aufgenommen. In den folgenden Monaten wurde die Freizeit neben dem Projekt oft mit gemeinsamen Aktivitäten verbracht. Und auch das eine oder andere Wiener Wochenende verbrachte er mit den Kollegen und ihren Freunden und Partnern.

Und so war es auch nichts Besonderes als man eines Abends in der Woche sich in einer Kneipe, einem Beisl, auf ein Bier oder einen Gespritzten verabredete. Die Kneipe war voll und sie setzten sich an einen großen Tisch, an dem schon 3 oder 4 Leute saßen. Sie setzten sich zu der Gruppe, die aus einer Frau und sonst Männern bestand.

Trotz ihrer angeregten Unterhaltung konnte er nicht umhin, in das Gespräch der anderen Gruppe hinein zu hören. Sie unterhielten sich auf Englisch und das konnte er sich einfach nicht entgehen lassen. Nach und nach kam man ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass die andere Gruppe bei der UN beschäftigt war, bei der Flüchtlingshilfeorganisation, die sich um die palästinensischen Flüchtlinge kümmerte.

Die Gespräche wurden persönlicher und er fühlte sich zu der Frau, nennen wir sie A., in der Gruppe hingezogen, die ganz offensichtlich mit ihm flirtete. Langsam fand er heraus, dass sie ledig war, etwa 10 Jahre älter. Und sie war esoterisch angehaucht, denn sie gab vor, ihm aus der Hand lesen zu können. Sie las in der Hand, dass er zwei Kinder hätte, und als er lachte, sagte sie, dass er das ja nicht unbedingt wissen müsse.

Irgendwann lösten sich beide Gruppen auf und er richtete sich schon auf einen verlegenen Abschied ein. Und war dann ganz überrascht als sie sagte, sie würde gern mit ihm kommen. Der Magen drehte sich ihm um, und er sagte ja. Schon seit ein paar Monaten wohnte er im Hotel Bohemia in der Turnergasse, war also ein guter Kunde, er sah also kein Problem darin, einfach “Ja” zu sagen.

Hand in Hand gingen sie los, lachend und ein wenig kichernd am Portier vorbei, der richtig verständnisvoll lächelte. Angekommen auf dem Zimmer rissen sie sich im übertragenen Sinne mehr oder weniger die Kleider vom Leib und hatten Sex miteinander, bis sie beide erschöpft in den Schlaf fielen.

Irgendwann klingelte das Telefon, der Concierge war dran und meinte verständnisvoll, dass E. in der Leitung sei und er sagte “ja” und wusste sofort, dass das idiotisch war. Nach dem kurzen und sehr verlegenen Gespräch war A. wach und wollte sofort gehen, nicht ohne ihn zu sich einzuladen.

Es sollte nicht sein, denn kurz nach dieser Nacht kam die Nachricht, dass der Auftrag beendet war und dass das sein letzter Besuch in Wien war.

Er schaffte es noch, eine Wollmütze, die sie vergessen hatte, diskret an sie weiter zu leiten, sie schickte ihm noch irgendwann einmal ein Schmuckstück, aber er hat sie dann nicht wieder gesehen.

Manchmal bedauert er es, er hätte gerne noch ein paar schöne Stunden mit ihr gehabt. Und es hätte im geholfen, sich früher von E. zu lösen.

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Leyli

Mittwoch, 28. Januar 2009 | Autor: mouchi

Schwarz-weiße KatzeIrgendwann war es dann angesagt, in diese kleine Wohnung ein Haustier aufzunehmen. Ich war mir mit E. einig, dass es eine Katze sein musste, und dann war sie plötzlich da, eine schwarz-weiße Hauskatze.

Die Benennung war schon eine kleine Brainstormingaktion, aber es setzte sich die türkische Kulturneigung von E. durch und sie wurde Leyli genannt. Leyli ist die türkische Variante eines berühmten orientalischen Liebespaares, Leyla und Madschnun (Leila und der Narr).

In einer Überlieferung kennen sich Leila und Madschnun von Kindesbeinen an. In einer anderen Tradition treffen sie sich zufällig auf einem Fest. Die Hauptfigur Qais schlachtet sein Kamel als Beitrag zu dem Fest, verliebt sich in Leila und hält später um ihre Hand an. Ihre Eltern sind gegen ihre Liebe und Heirat. Sie versuchen mit allen erdenklichen Methoden, die beiden von einander zu trennen und verheiraten Leila mit einem gewissen Ward bin Mohammed al- ʿUqaili. Qais verkraftet das nicht. Er verliert den Verstand und lebt fortan halbnackt unter wilden Tieren. Sein Vater nimmt ihn mit auf einer Pilgerreise, doch seine Verwirrung steigert sich. In lichten Momenten komponiert er Verse über seine verlorene Liebe. Bis zu seinem Tod trifft er Leila nur noch ein einziges Mal. (Quelle: wikipedia).

Es war sicher kein Zufall, dass Leyli den Namen einer unglücklich Verliebten bekam, im Nachhineinan betrachtet war uns beiden damals schon klar, dass die tragische Liebe auch für uns ein Zeichen war.

Aber ich liebte Leyli und brachte ihr solch nervige Kunststücke bei wie die, Türklinken einfach aufmachen zu können. Unsere Gäste liebten sie auch, ich erinnere mich daran, wie sie, wenige Wochen alt, sich auf dem Schoss meiner heimlichen (unerwiderten) Liebe W. es sich ganz gemütlich machte. Und auch mit meiner Geliebten S. verstand sie sich nicht schlecht.

Als E. nach dem Tod ihrer Eltern in deren Wohnung nach Rheinland-Pfalz zog, nahm sie Leyli und eine später zugelaufene Katze mit. Leyli lernte das das Streunen und ich erinnere mich daran, wie sie in meinem Beisein im Flur der süddeutschen Wohnung ganz unglücklich und verzweifelt zwei Totgeburten zur Welt brachte.

Ich habe beide Katzen zurückgelassen und auch nicht reagiert, als ein von E. beauftragter Bote meinte, ich solle zurück kehren, eine der Katzen sei gestorben. Welche es war, weiß ich nicht.

Foto: Imageman. Das Foto kommt der Leyli meiner Erinnerung von allen, die ich im Web fand, am Nächsten.

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Altona Altstadt

Mittwoch, 21. Januar 2009 | Autor: mouchi

AltbeukücheNach einem Jahr in England waren wir glücklich, von einem Verwandten des Freundes meiner Schwester (oder war er damals schon mein Schwager?) diese kleine Altbauwohnung in Hamburg-Altona übernehmen zu können. Die Straße war eine etwa 40 m lange Sackgasse mit vier Hausnummern, kopfsteingepflastert. DIe Wohnung lag im Erdgeschoss, 2 Zimmer, Küche und WC mit Dusche, alles zusammen weniger als 40 qm, man kann sich also die Größe der Zimmer vorstellen, vor allem wenn ich noch den Fakt nachschiebe, dass die Küche der größte Raum war.

Die Miete war attraktiv gering, auch für die Verhältnisse Anfang der 70er, wenn ich mich recht erinnere, waren es beim Einzug 88 DM (nach jetziger Währung etwas mehr als 45 Euro). Die monatliche Stromrechnung war teurer, denn außer einem Kohleherd in der Küche hatte die Wohnung keine Heizungsmöglichkeit, wir heizten also mit elektrischen Ölradiatoren, Tagstrom natürlich. Hervorstechendstes optisches Merkmal war die Tapete, ein großflächiges gelb-braunes Muster, typisch für die Zeit.

Die Einrichtung wurde studentisch improvisiert, unbehandelte Spanplatten wurden zu Regalen zusammengeschraubt, ebenso bestanden die beiden Schreibtische aus Spanplatten mit angeschraubten Beinen, an Formaldehydausdünstungen hat damals noch niemand gedacht. Die kombinierten Bettsofas waren zusammen gestellt aus den typischen dreiteiligen Matratzen der Ehebetten aus den 50er und 60ern. Highlight der Zusammenstellung waren zwei Stahlrohrsessel mit Cordkissen, in grellem Orange.

Immerhin gab es warmes Wasser, die fast fertig gebaute Dusche (unterhalb konnte man in den Keller sehen) und das Waschbecken im Bad wurden von einem Durchlauferhitzer gespeist, das einzelne Porzellanabwaschbecken in der Küche von einem 5-Liter-Speicher versorgt. Da passt es natürlich auch, dass der Küchentisch und die zwei Stühle aus den frühen 60ern stammten.

In dieser Wohnung, später nur teilweise renoviert, habe ich etwa 10 Jahre gewohnt, allerdings entspannte sich die Situation später durch die Anmietung einer etwas größeren Wohnung im ersten Stock des gleichen Hauses. Es entspannte sich aber nur die Wohnsituation, die Paarsituation spitzte sich zu und alles führte irgendwann Anfang der 80er dazu, dass ich in einer Nacht- und Nebelsituation meine Sachen zusammen sammelte und in einen anderen Stadtteil zog.

Dazu ein andermal mehr.

Foto: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 183-31446-0002, Lizenz: Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 Germany. Vielleicht ist es kein Zufall, dass dies ein Bild aus Ostberlin in den 60ern ist. Die Frau passt ganz und gar nicht, aber Becken und Wasserbereiter kommen schon ganz gut hin.

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Die Reaktion

Mittwoch, 20. August 2008 | Autor: mouchi

Studie zum Streit zwischen Oberon und TitaniaDie Reaktion von Annabell hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Leicht euphorisch war ich vom Vorstellungsgespräch nach Hause gekommen und war gleich mit der Neuigkeit mehr oder weniger rausgeplatzt: „Stell Dir vor, ich habe einen Job!“

Annabell setzte gleich ihr Unheilsgesicht auf, die Mundwinkel leicht hochgezogen, eine Geste, bei der ich mir nicht sicher war, ob sie unwillkürlich war oder einen kräftigen Zynismus ausdrücken sollte.

„ Ich dachte, Du wolltest promovieren?“

„Ja eigentlich schon, aber ich muss ja auch irgendwo von leben“ erwiderte ich leicht verlegen.

„Und an mich denkst Du dabei wohl gar nicht, oder?“

„Wieso, was meinst Du denn damit?“

„Das sollte doch wohl ganz offensichtlich sein, ich habe Dir schließlich zum Diplom verholfen, jetzt wäre eigentlich ich dran.“

Ich musste schlucken. Mir zum Diplom verholfen? Das hatte ich ganz anders gesehen, schließlich war ich aus genau der Situation der Beziehung ganz schweren Herzens zu meinen Eltern nach Hause geflüchtet, obwohl ich das als ganz besondere Erniedrigung empfand. Aber vielleicht nahm ich sie nicht so richtig ernst, denn sie hatte gesagt, wenn ich nicht wolle, bräuchte ich nicht zurückkommen, als ich zu meinen Eltern ging wegen der Diplomarbeit. Jetzt kamen die Aggressionen wieder hoch, ich hätte das Angebot doch annehmen sollen.

„Was erwartest Du eigentlich von mir?“ brachte ich zwischen den Zähnen heraus.

„Seit fünf Jahren sind wir zusammen und Du fragst immer noch? Ich will nichts anderes als dass Du mich genauso unterstützt, wie ich Dich!“

‚Wie Du mich?’ dachte ich und fragte mich, wo sie mich unterstützt hatte.

„Das verstehe ich nicht, ich bin ja schließlich ausgezogen für die Diplomarbeit!“

„Das war einfach eine Flucht von Dir, Du wolltest einfach der Hausarbeit entgehen!“

„Das ist aber jetzt reichlich unfair, ich habe immer meinen Teil gemacht, vielleicht immer sofort wenn es nötig war, aber gedrückt habe ich mich nie!“

„Ich erwarte einfach von Dir, dass Du siehst, was gemacht werden musst und einfach daran gehst. Ich bin es leid, immer sagen zu müssen, was Du machen sollst.“

„Ich mache das, was ich für nötig halte, wenn Du mehr willst, dann könntest Du das einfach sagen.“

Ihr Gesichtsausdruck wurde immer unheilvoller. „Ich will das nicht sagen müssen, Du solltest einfach wissen, was angesagt ist!“

„Und wo bleibst Du dabei? Ich soll Dir jeden Haushaltswunsch von den Augen ablesen und Du legst die Füße hoch und lässt mich machen?“

So langsam geriet ich auf hundertachtzig. So war das nun ganz und gar nicht, ich hatte schon das Gefühl, eine Menge zu machen. Ich sah halt vieles vielleicht nicht sofort, meine Toleranzschwelle war einfach höher als ihre. Aber nichts im Haushalt zu machen, daswar einfach ungerecht. Andererseits hatte ich ja aber den Anspruch, dass alles Alltägliche gerecht aufgeteilt werden müsse, irgendwie ließ ich mich da immer bei meinem schlechten Gewissen packen.

„Quatschkram!“ meinte sie, „ich weiß halt, was gemacht werden muss, aber Du müsstest mir schon ein wenig entgegen kommen!“

Mir fielen sofort ihre Papierstapel ein, die sie schon seit Monaten nicht bewegt hatte, weil sie das Material für ihre Promotion zu brauchen vorgab. Aber das war in dem Moment nicht das Problem, so langsam war der Punkt erreicht, wo ich die Kurve kriegen musste, sonst würden wir noch zwei Tage später da sitzen und diskutieren, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Aber wie sollten wir zu einem Ende kommen?

„Nun warte doch erst einmal ab“ meinte ich „ ich verdiene dann schließlich erheblich mehr, als ich mit dem Stipendium hatte, da kann man doch sicher irgendwie die Wohnsituation verbessern.“

„Ich will einfach einen sauberen Haushalt, sonst kann ich einfach nicht arbeiten. Und Du bist da gefragt, schließlich bin ich ja wegen Dir in diese Stadt gekommen!“

Auf das Argument hatte ich nur gewartet. Ja, sie war wegen mir in diese Stadt gekommen, aber wir hatten alle Argumente gegeneinander abgewogen. Die Mathematik in meiner Stadt war erheblich besser als in ihrer und auch für ihr Fach, Kultur und Geschichte des vorderen Orients sprach erheblich mehr für meine Stadt als für die Universität, an der sie vorher studierte.
„Komm mir jetzt nicht damit, Du weißt genau, dass das die bessere Lösung war.“

„Das mag sein, aber ich hatte mir das anders vorgestellt.“

„So langsam werde ich müde“ meinte ich „Ich sehe ja ein, dass Du da ein paar Probleme hast, aber das kann doch nur besser werden, wenn ich jetzt Geld verdiene. Ich werde halt sehen, dass sich unsere Situation verbessert, der Job kann da doch eigentlich nur positiv wirken.“

„Das werden wir ja sehen!“ rief sie.

„Ja, das werden wir“ sagte ich und verzog mich ins Nebenzimmer, um zu schlafen.

Was für eine überflüssige Bemerkung, sehen würden wir so oder so.

Bild: Studie zum Streit zwischen Oberon und Titania, Sir Joseph Noel Paton

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Die Vorstellung

Mittwoch, 23. Juli 2008 | Autor: mouchi

Gelehrter an seinem Schreibtisch

So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Etwas verloren stand ich vor dem großbürgerlichen Wohnhaus aus der Zeit um 1900. In der Anzeige am Anschlagbrett an der Universität war die Rede von einer Computerfirma, die Leute für einen Kurs suchte. Zugegeben, ich hatte nicht gerade präzise Vorstellungen davon, wo eine Firma sitzen musste. Mein Studium war abgesichert gewesen durch ein Stipendium, das meiner Vorstellung gemäß reichlich bemessen war. Und ich hatte viele Gelegenheiten genutzt, sogar das aufzubessern, durch Nachhilfestunden oder Arbeit als Tutor an der Uni. Meine Erfahrungen mit dem “normalen” Arbeitsleben beschränkten sich bis dahin auf einen kurzen Einsatz bei der Stadtreinigung zum Schneeschippen, damals, als die Stadt unter dem Schnee erstickte und dringend Aushilfskräfte zur Beseitigung der Schneemassen suchte. Das war auch das erste Mal, dass ich mich mit solchen Formalitäten wie die einer Lohnsteuerkarte herumschlagen musste. Ich konnte also nicht gerade behaupten, dass ich im normalen Arbeitsleben bewandert war.

Ich rief mir noch einmal den Wortlaut der Anzeige ins Gedächtnis: “Studenten gesucht für einen kostenlosen Computerkurs mit Aussicht auf eine Beschäftigung danach.” Ich hatte gerade meine Diplomarbeit abgegeben und befand mich auf der Suche nach einer Beschäftigung für die nächste Zeit. Eigentlich war eine Promotion angesagt, bestimmt durch die Vorstellung meiner Familie, dass ich doch Professor werden sollte. Aber ich musste ja von irgendetwas leben und der Anschlag war das erste beste, eine Möglichkeit halt. Würde schon irgendwie eine Möglichkeit bieten, die Zeit bis zur Gewährung des Promotionsstipendium zu überbrücken.

Und nun stand ich hier vor diesem Haus. Nach allen meinen Vorstellungen wohnten hier Professoren der Uni, vielleicht könnte man auch die eine oder andere WG hier finden. Ich schaute noch einmal auf das Schild an der Hauswand. Doch, es war wohl richtig, da stand eindeutig Bahlgren & Co, der Firmenname, der auf dem Anschlag angegeben war.

Ich rief mir noch mein Erscheinungsbild vors Auge. Lange blonde Haare bis auf die Schulter, ungepflegter Vollbart, einfach entstanden aus Faulheit, rasieren kann so anstrengend sein. Ich zuckte innerlich mit den Schultern und redete mir ein, dass sie halt selber Schuld hätten, wenn sie das als Nachteil ansehen würden.

Ich seufzte, gab mir einen Ruck und klingelte.

Der Summer gab mir die Tür frei und ich stieg die paar Stufen zur Erdgeschosswohnung (oder sollte ich sagen, zum Büro?) empor. In der Tür stand eine hagere Frau, irgendwie konnte ich das Alter nicht schätzen, sie war eine der Frauen, die immer irgendwie zeitlos wirken würden.

Unsicher sagte ich: “Hallo, ich bin Sven Wagner, ich hatte angerufen wegen des Kurses.”

Sie musterte mich von oben bis unten.

“Hallo ich bin Lena, komm erst einmal rein!”

Vorsichtig überschritt ich die Schwelle und stand dann ein wenig verloren im Flur des Büros. Aus den Augenwinkeln musterte ich die Räumlichkeiten, sie wirkten auf mich eher wie eine WG, nicht wie ein Büro.

“Setz dich erst einmal” sagte Lena und führte mich in ein Büro, das offensichtlich ihres war, “Walter ist gleich bereit für Dich!”

Ich setzte mich auf den freien Stuhl und machte mich bereit auf das, was kommen mochte. Lena verschwand im Raum nebenan, ich hörte eine laute Männerstimme, die Worte konnte ich nicht verstehen. Lena kam zurück und fragte mich, ob ich Lust hätte, das Büro anzuschauen.

“Warum nicht” meinte ich und folgte ihr hinaus in den Flur. Sie führte mich zuerst in den Raum gleich links, offensichtlich die Küche. Ein offensichtlich selbst gezimmerter Tisch aus Bodenlatten dominierte den Raum, dazu aus den gleichen Brettern grob gezimmerte Bänke.

“Das ist unsere Küche. Die Getränke werden natürlich von uns gekauft” erklärte mir Lena.

Auf dem Boden unter einem ebenso roh gezimmerten Regal standen einige Getränkekisten und mit einiger Verwunderung registrierte ich die große Anzahl an Kisten mit Flensburger Bier. Auf einer Küchenspüle war auch eine Kaffeemaschine zu sehen, mit frisch gebrühtem Kaffee.

Der nächste Raum rechts entsprach dann meiner Vorstellung von einem Büroraum. Drei Schreibtische mit Kunststofffurnier bildeten ein Dreieck, dazu bedeckten entsprechende Regale die Wände. Der Raum nebenan wurde dominiert von einem riesigen rechteckigen Tisch.

“Der wurde gestiftet von Marianne Euler” meinte Lena unaufgefordert. “Das ist ein alter Senatstisch, der ist bei unseren Gesellschafterversammlungen ganz wichtig”.

Langsam fiel es mir auf, dass keine Schreibtische besetzt waren und ich fragte, wo denn die Leute seien, für die diese Schreibtische seien.

“Die sind natürlich beim Kunden” antwortete Lena.

Der nächste Raum bot mehrere Überraschungen. Dominiert wurde er von einer großen Tischtennisplatte. In einer Ecke stand auch ein altes Flippergerät, offensichtlich noch auf Relaisbasis. Lena erklärte, dass das der Erholungsraum sei, der würde auch gut genutzt. Die letzte Überraschung war dann eine Stahltür, die offensichtlich in eine Wohnung im Nachbarhaus führte. Dort wurden mir noch 5 Räume vorgeführt. Alle mit kunstofffurnierten Schreibtischen ausgestattet. Auch diese Räume sahen aus, als ob gerade jemand den Arbeitsplatz verlassen hätte, aber noch hatte ich niemanden gesehen.

Lena führte mich zurück und erklärte, dass im ersten Stock noch eine Wohnung sei, die Bahlgren nutzen würde, dort gäbe es auch einen Schlafraum, wenn man mal besonders lange beschäftigt sei. Wir einigten uns darauf, dass diese Wohnung irgendwann einmal besichtigt werden sollte.

Lena sagte: “Ich schau mal ob Walter jetzt Zeit hat!”

“Es dauert noch einen kleinen Moment”, mit dieser Aussage kam sie zurück. “Willst Du etwas zu trinken, einen Kaffee, ein Wasser oder ein Flensburger?”

Hm, das Angebot eines Flensburgers fand ich schon ungewöhnlich, aber nicht mehr so unverständlich nach der Besichtigung der Kaffeeküche.

“Nein, danke, ich möchte nichts.”

“Und Du bist Mathematiker? Das ist mir irgendwo unheimlich!”

“Ach was, Mathematiker sind auch nichts Besonderes!”

“Unser Chef hat auch Mathematik und Physik studiert, aber nicht mit einem Abschluss, ich finde das immer noch außergewöhnlich, dass man so etwas studieren kann!”

“Ich gehe davon aus, dass du nichts mit Mathe oder so zu tun hast.”

“Nein, ich habe Mathe immer gehasst.”

“Lena, ist das dein richtiger Name?”

“Ganz ehrlich, ich heiße Magdalena Müller-Beuschel, aber ich werde nur Lena genannt.”

Plötzlich höre ich einen Schrei aus dem Nebenzimmer. “Bin fertig, kannst jetzt den Studenten reinschicken.”

Magdalena Müller-Beuschel, genannt Lena, sagte “Walter will Dich jetzt sprechen, er ist im Nebenzimmer.”

Es geht also los, dachte ich, stand unsicher auf und ging in das nächste Zimmer.

Das Zimmer, Büro, war nur wenig größer als das Vorzimmer. Der Schreibtisch belegte die größte Fläche. Dahinter saß ein kompakter Rothaariger mit den Füßen auf dem Schreibtisch.

Er musterte mich von oben bis unten und sagte:

“Ich bin Walter, und du?”

“Sven Wagner, ich habe euren Anschlag an der Uni gesehen, deshalb bin ich hier.”

“Aha, du willst für uns arbeiten, wie viel Geld bringst du denn mit?”

Verunsichert sagte ich: “Wie? Was heißt das?”

“Naja, jeder der bei uns anfängt wird einfach Unternehmer!”

“Das verstehe ich nicht, ihr habt doch Studenten gesucht, die für eine spezielle Maschine ausgebildet werden sollen. Was hat denn ein Computerkurs mit einem Unternehmer zu tun?”

“Wenn du den Kurs gemacht hast und gut genug warst, dann stellen wir dich ein. Wir stellen aber nur ein unter einer Bedingung: Wir stellen dich ein auf Probe, nach maximal 2 Jahren wirst du entweder Gesellschafter oder du gehst woanders hin.”

“Davon habt ihr aber nichts gesagt in eurem Anschlag. Wieso habt ihr ihn denn so formuliert?”

“Unser Kunde, die Firma Pfaeffle, braucht einfach Leute und wir haben zugesagt, die auf unsere Kosten auszubilden, dafür bieten sie uns Aufträge danach.”

“Und was zahlt ihr, wenn ich den Kurs mache?”

“Nichts natürlich, aber wenn du gut bist, dann bieten wir dir hinterhereinen Job.”

“Ich weiß nicht, ich bin gerade mit dem Studium fertig. Mein Stipendium läuft aus und ich brauche Geld. Wenn ich auf euren Kurs eingehen soll, ok, aber ich will einen Arbeitsvertrag, einen kostenlosen Kurs mache ich nicht.”

Walter Pfefferkorn musterte mich von oben bis unten.

“Na gut” meinte er, “versuchen wir es miteinander, ich bin gespannt, ob du Gesellschafter wirst.”

Bild: Rembrandt “Gelehrter an seinem Schreibtisch”

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Das kleinere Übel

Samstag, 28. Juni 2008 | Autor: mouchi

faust.png“Ja, weißt Du denn etwas Besseres?”

Schon relativ jung wurde ich ein politischer Mensch. Schon mit 12 oder 13 fing ich an, regelmäßig den SPIEGEL zu lesen, der damals noch als durchaus linksliberales Blatt galt. Mit etwa 15 begann ich, in der Schule an der Politik AG teilzunehmen.

Die Politik AG traf sich regelmäßig, oft in einer Kneipe nicht weit von der Schule, wo bei Bier (oder Fassbrause) und kalten Frikadellen die heißen aktuellen Fragen diskutiert wurden. Häufig dabei waren zwei Studenten vom SDS (dem Sozialisitischen Deutschen Studentenbund), die wohl dazu ausersehen waren, an ihrer alten Schule für den revolutionären Nachwuchs zu sorgen. Einer von ihnen war K., der 3 Jahre vor mir Abitur gemacht hatte, und dann in der Studentenbewegung der 68er aktiv geworden war.

Auch wir waren in vielerlei Hinsicht aktiv, das fing mit kleinen Sachen an wie das Halten von politischen Vorträgen in den Hamburger Häusern der Jugend (wenn ich mich recht erinnere, war das organisiert von der Bundeszentrale für politische Bildung). Ich wurde später dann Referent für internationale Beziehungen an unserer Schule und später dann irgendwann mal Schulsprecher.

Die Zeiten gingen nicht an uns vorbei, der Höhepunkt als Schulsprecher war die Organisation eines Streikes an unserer Schule gegen geplante Hamburger Schulgesetze, damals noch richtig unerhört, so dass dieser Streik es sogar bis in die Bildzeitung schaffte. Wir zogen in unserem Stadtteil von Schule zu Schule und versuchten, an anderen Schulen die Schüler auch zum Mitstreiken zu animieren. An unserer Schule war der Großteil der Schüler aktiv, was vielleicht auch damit zu tun hatte, dass der Schulleiter seit 20 Jahren ein recht autoritärer Knochen war, wie auch viele Lehrer noch recht altmodische Methoden hatten. In dieser wilden Zeit um den Streik herum erlitt der Schulleiter dann einen Herzinfarkt und es wurde uns mehr oder weniger zu verstehen gegeben, das wir daran Schuld waren.

Meine Mutter kam eines Tages von einer Elternversammlung zurück und berichtete fast stolz, dass ich als einer der Rädelsführer genannt wurde für die Unruhen, ein Stolz von der falschen Seite, über den ich mich richtig geärgert habe.

Ich traf K. dann einmal an der Uni wieder und er erzählte mir, dass er nach dem Niedergang des SDS in den MSB Spartakus eingetreten sei, dem DKP- und Ostblock-nahen kommunistischen Studentenbund. Ich machte ihm klar, dass das nicht mein Fall wäre, worauf er mit der oben zitierten Gegenfrage antwortete.

Er hatte also für sich das kleinere Übel gegenüber anderen Alternativen gewählt, während ich mich dann aus allen Hochschulorganisationen raushielt. Für das kleinere Übel wurde K. dann aber doch recht aktiv, er leitete später über Jahre diese Organisation, war Vorsitzender einer DKP-nahen Friedensliste, die auch an Bundestagswahlen teilnahm. Wenn man heute nach ihm sucht im Netz, erfährt man, dass er einmal in einer Versammlung eine sechsstündige Rede gehalten haben soll, fast schon reif für einen Eintrag in Guinessbuch der Rekorde.

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Seuche

Dienstag, 3. Juni 2008 | Autor: mouchi

TBC linksGerade hatte ich sie kennen gelernt. Irgendwie hatte sie es mir nicht erzählt in den ersten Wochen unserer Beziehung, aber irgendwann musste sie mir die Krankheit beichten. Eigentlich hatte ich damals, in der Mitte der 80er Jahre gedacht, sie sei längst ausgestorben. Sie galt als Armutskrankheit, nach dem Tod meiner Mutter hatte ich erfahren, dass auch sie daran gelitten hatte. Allerdings hatte sie es geschafft, das vor ihrem Mann, meinem Vater geheim zu halten, wir Kinder waren einfach zu klein. Als ich wegen der anderen Krankheit im Alter von einem Jahr monatelang im Krankenhaus war, war meine Mutter offensichtlich im Sanatorium oder zumindest in Behandlung.

Und jetzt erfuhr ich, dass auch meine frische Liebe diese Krankheit hatte. Es liess sich nicht mehr verheimlichen, denn die Behörden gehen in solchen Fällen ganz strikt nach dem Bundesseuchengesetz vor und kontrollieren. Da wurden alle Kontakte erfragt und die wurden dann zur Untersuchung geladen. Und irgendwelche Therapiemaßnahmen wurden auch vorgeschrieben. Auch das kannte ich selbst von mir und der anderen Krankheit, bei der mich die Gesundheitsämter bis zum Alter von 18 Jahren unter Beobachtung hatten.

Es wurde bei ihr ein stationärer Sanatoriumsaufenthalt angeordnet, da ließ sich die Krankheit nicht mehr verheimlichen, sie musste für eine längere Zeit ins Lungensanatorium. Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt, war die Diagnose. Wie gesagt, sie galt als ausgestorben, aber trat dann plötzlich wieder auf, besonders bei Leuten, die irgendwelchen Kontakt zu Drogensüchtigen hatten.

Das Sanatorium lag im Süden der Stadt, kein Zauberberg, keine Romantik, einige prosaische Backsteinbauten im Wald. Richtig stationär war der Aufenthalt nicht, es ging darum, die Medikamente unter Aufsicht zu nehmen, Freigang war erlaubt, manchmal konnte sie auch fürs Wochenende in die Stadt kommen. Die anderen Patienten passten zum eben beschriebenen Milieu, auf jeden Fall wurde kräftig geraucht und wohl auch häufig in der Dorfkneipe gesoffen.

Sie hatte Rückenprobleme und deshalb immer Schmerzmittel dabei und Einwegspritzen. Als die Pfleger das entdeckten, da stand sie kurz vor dem Rauswurf und schärferen Maßnahmen, denn natürlich dachten die Pfleger in Anbetracht der Klientel, dass sie zur Gruppe der Konsumenten von harten Drogen gehörte.

Einfach war die Zeit nicht, für einen Besuch musste ich 50 km hin und wieder zurück fahren, aber die Liebe half, das durchzustehen. Irgendwann war die Krankheit dann ausgeheilt und wir konnten unsere neuen Wohnungen genießen.

Was mich im Nachhinein immer wieder beunruhigt hat: Mich hat sie nie dem Gesundheitsamt gemeldet udn ich wurde deshalb auch nie untersucht. Wer weiß, was hätte passieren können.

Bild: ErikH Lizenz: GNU Free Documentation license

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Trampen (3)

Montag, 19. Mai 2008 | Autor: mouchi

Pont d'AvignonDie dritte und auch letzte Tour führte uns dann nach Frankreich. Mit Gitarre und Rucksack sollte uns der Weg letztlich nach Avignon führen, aber der Weg dahin war beschwerlich. Irgendwo in der Nähe von Dijon steckten wir total fest, aber darüber habe ich schon früher berichtet.

Avignon im Sommer war damals ein beliebtes Ziel, die Jugendherberge war total überfüllt und so hatten sie ein großes Zelt als Erweiterungsbau installiert, ein Zelt, in dem dann 20, 30 oder 40 junge Männer auf Feldbetten übernachten konnten.

Damals musste man in Frankreich Baguette, Käse und Rotwein geniessen, und ich glaube mich daran zu erinnern, dass wir genau das unter der berühmten Brücke genossen haben, sozusagen ein “Petit Dejeuner sur le Pont d’Avignon”.

Ein anderes Highlight war eine Ausstellung des Spätwerkes von Picasso, bei dem man den Eindruck haben konnte, dass er im Alter an nichts anderes als nackte Frauen und Vaginas denken konnte. Und ich als noch etwas naiver 18-Jähriger stand staunend, vielleicht auch ein wenig abgestossen vor diesen großformatigen Fotzenbildern, ein anderes Wort wäre sicher nicht angemessen.

Den Rückweg nahmen wir über die Schweiz, erinnern kann ich mich an das Land nicht, aber das ist mir mit der Schweiz immer irgendwie so gegangen. Der Wiedereintritt nach Deutschland ist mir dann allerdings genau in Erinnerung. Für die kleinbürgerlichen, wohl etwas gelangweilten Zollbeamten war ich ein dankbares Objekt zum Filzen, man konnte ja mal schauen, ob Drogen im Spiel waren. Also wurde mein Rucksack ganz gründlich zerlegt.

So richtig ernst war das allerdings nicht gemeint, denn in meiner Gitarre hätte ich kiloweise Stoff transportieren können, denn die wurde einfach nicht beachtet.

Irgendwie kamen wir dann letztlich über Freiburg mit dem Besuch des Münsters wieder zurück nach Hause, aber die Erinnerungen sind nicht so lebhaft, vielleicht war es dann nur konsequent, dass es die letzte Tour als Hitchhiker war.

Foto: ChrisO Lizenz: GNU Free Documentation license

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Trampen (2)

Mittwoch, 14. Mai 2008 | Autor: mouchi

Trafalgar SquareDie zweite Tour ein Jahr später führte A. und mich im nächsten Jahr dann nach Großbritannien. Und von heute aus betrachtet war diese Reise im Jahr 1969 irgendwie als historisch zu betrachten, zumindest haben wir einige heute als historisch bezeichnete Ereignisse erlebt. Aber der Reihe nach.

Unsere Tour führte uns zunächst nach Holland, und die Niederlande waren auch damals nicht so einfach für Anhalter. Wir hatten unser Ziel, Hoek of Holland nicht erreicht und übernachteten irgendwo in einem Feld in der Nähe des Ijsselmeers. Am nächsten Tag erreichten wir dann die Fähre, waren aber entsprechend erschöpft, als wir dann die Insel erreichten.

Aber wir hatten Glück, mit der ersten Tour nach Harwich nahm uns ein Handwerker in seinem Lieferwagen mit nach London. Irgendwie fühlte er Verantwortung für uns, brachte uns also erts einmal in seine Wohnung nach London, wo er uns ein Bett für die Nacht zur Verfügung stellte. Wir haben fern gesehen an diesem Abend, damals gab es im Vereinigten Königreich schon kommerzielle Fernsehkanäle, ich erinnere mich an einen Werbespot für Staubsauger, der irgendwie folgendermaßen ablief: Im TV wurde gesagt “Have you got a Hoover 50?” und die Handwerkerfamilie antwortete unisono: “No!”

Am nächsten Tag wurden wir dann in der Jugendherberge im Epson Forrest untergebracht und genossen die Tage in London. Und zu genießen gab es genug, die Reihenfolge kann ich nicht mehr mit Sicherheit bestätigen, aber an einem Tag mischten wir uns unter all die Menschen, die am Trafalgar Square gebannt auf die Großleinwand starrten und dem Bericht von der Mondlandung folgten.

An einem anderen Tag waren wir im Hyde Park unter noch mehr Menschen und folgten einem Superlivekonzert. eintrittsfrei, es war das Konzert, auf dem die Rolling Stones auftraten, nachdem Brian Jones ertrunken war. In Erinnerung an ihn ließen die Stones tausende Schmetterlinge frei.

Von London führte uns unsere Tour nach Chester bei Liverpool und dann nach Edinburgh. In Schottland war es diesmal umgekehrt, A. verliebte sich in eine Schottin, ich glaube Margarete hieß sie und ich musste dann das Geturtele aushalten. Allerdings hatte ich die beste Freundin zum Trost.

Auf der Rückfahrt von Edinburgh nahm uns der Fahrer eines Rovers mit und wir dachten schon, dass er unheimlich was auf dem Kerbholz hatte. Denn während der Fahrt forderte er uns immer wieder eindrücklich auf, nach Polizei Ausschau zu halten. Erst nach einiger Zeit wurde uns klar, dass er nicht auf der Fahndungsliste stand, sondern einfach die für uns Deutsche ungewohnte Geschwindigkeitsbegrenzung nicht beachten wollte.

In London griffen wir dann noch einmal auf den Handwerker zurück, nach Anruf nahm er uns noch eine Nacht auf. Da unser Geld langsam zur Neige ging, übernachteten wir dann in der nächsten Nacht in unserem Schlafsack im St James Park. D, hat es mir später nicht geglaubt, aber es war eine sehr beschützte Nacht. Ich erinnere mich daran, dass einer der typischen englischen Bobbys uns in der Nacht weckte und fragte, ob wir eine Frau hätten schreien hören. Wir verneinten und er ließ uns in Ruhe.

Der Urlaub neigte sich dann dem Ende zu und wir versuchten, sehr schnell zurück nach Hamburg zu kommen. Es gin auch sehr schnell, wir waren früh in Dover und entschlossen uns, so schnell wie möglich weiter zu fahren. Die Fähre braucht nicht lange und es ging von Calais sehr schnell weiter. Und kurz vor aachen, noch immer in Belgien, da steckten wir dann plötzlich an einem Autobahnkreuz fest. 10 Stunden, 15 Stunden, 20 Stunden, kein Weiterkommen in Sicht. Irgendwann ging es weiter und wir landeten total erschöpft kurz hinter der Grenze in Aachen.

In Belgien hatten wir keine Deviesen getauscht, deswegen fielen wir nach der Grenze in Aachen in das erste Gasthaus ein und bestellten eine Brotplatte und Bier und wir fielen ausgehungert darüber her.

Aber wir wollten weiter und an die folgende Fahrt erinnere ich mich nur insofern als dass ich die Fahrten verdöst habe. Irgendwann waren wir so total erschöpft, dass wir uns mit unseren Schlafsäcken in einen Graben verzogen auf einer Raststätte an der Autobahn. Am nächsten Morgen wurden wir von der Polizei geweckt mit einer Lautsprecherdurchsage: “Aufstehen, die Autobahn ist kein Schlafplatz!”

Es ging weiter und wir waren dann froh, als wir bei A.’s Bruder in Nienburg ankamen und endlich duschen konnten.

Foto:Andreas Tille http://fam-tille.de/england/london/2001_009.html, Lizenz:GNU Free Documentation license

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